Geschichten statt Katastrophen

Zeitungen verkünden das Ende der Welt, Fernsehsendungen warnen davor, dass der Meeresspiegel steigt, das Klima sich erwärmt, die Ressourcen ausgehen, das Eis der Pole schmilzt und Naturkatastrophen in Zukunft zur Tagesordnung gehören. Und wir? Wir leben trotzdem weiter. Unter dem Bombardement der schlechten Nachrichten wächst entweder das schlechte Gewissen oder der Grad der Abstumpfung – oder beides. Der erhobene Zeigefinger, der permanent auf die Uhr zeigt und (übrigens schon seit 40 Jahren…) „Fünf vor Zwölf!“ ruft ist offenbar kein Mittel, um die Welt zu retten. Aber was dann? Was kann uns anschaulich vor Augen führen, dass wir jetzt etwas verändern müssen?

Der Sozialpsychologe Harald Welzer hat darauf eine interessante Antwort: Gute Geschichten. Anstelle der Katastrophen-Szenarien, die in den Medien vorherrschen setzt er auf eine andere Strategie. Er glaubt nicht daran, dass Menschen sich in eine Veränderung ihres Lebensstils „ängstigen“ lassen. Stattdessen möchte er sichtbar machen, wie lohnenswert es sein kann, nachhaltig zu leben. Gewinn statt Verzicht. Um zu beweisen, dass Alternativen zu einem auf Konsum ausgelegten Lebensstil, wie wir ihn in der westlichen Welt führen, möglich sind, sammelt er Beispiele: Welzer ist Mitbegründer der Stiftung Futurzwei. Stiftung zukunftsfähig) Hier werden „Geschichten des Gelingens“ vorgestellt. Es geht um die Frage: Wie wollen einmal gelebt haben? Es geht um Menschen, die sich entschieden haben, etwas anders zu machen.

Zum Beispiel Susanne Jordan, die ihre eigene IT-Firma gegründet hat, um für menschenwürdige Arbeitsbedingungen in der Computerindustrie zu kämpfen. Ihre Firma hat als erste eine faire Maus auf den Markt gebracht. Oder Christian Vieth, der eine Kontaktbörse gegründet hat, sodass alte Bauern, die ohne Nachfolger sind, aber ihren Hof abgeben möchten und junge Bauern, die einen Hof suchen zueinander finden können, damit die Landwirtschaft in Deutschland eine Zukunft hat. Oder die 156 Bewohner der Wohnsiedlung Burgunder in Bern. Sie leben in der ersten autofreien Siedlung der Schweiz – und finden es großartig.

Geschichten, in denen man nachlesen kann, wie ganz normale Menschen einen Unterschied bewirken, machen entschieden mehr Mut an eine nachhaltige Zukunft zu glauben und vielleicht auch einen eigenen Beitrag dazu zu leisten, als die finsteren Weltuntergangs-Drohungen, die zwar Zukunftsängste schüren, aber keine Alternativen, keine konkreten Ideen zur Veränderung liefern. Natürlich erscheint es auf den ersten Blick nicht sehr lustig, seinen ganzen Lebensstil zu verändern. Ein Leben ohne Auto, ohne Flugreisen, ohne jedes Jahr einen neuen Laptop, ohne Konsum und volle Supermarktregale klingt ja auch zunächst mal nur nach einem. Verzicht. Aber stimmt das?

Harald Welzer. Foto: Thomas Langreder

In vielen seiner Vorträge und auch in seinem neuen Buch Selbst denken. Eine Anleitung zum Widerstand (2013) zeigt Welzer auf, dass die Welt, in der wir jetzt leben uns jeden Tag einiges an Verzicht auferlegt – aber wir haben uns schlichtweg daran gewöhnt und nehmen ihn deshalb hin. (Dazu auf Utopia.de: Berichte aus der Wirklichkeit) Wie sieht es zum Beispiel mit Lärm aus? Straßenlärm, Baustellenkrach, Flugzeugdonnern – das kennt jeder Großstädter zu genüge und leidet, denn es gehört eben zu zu seiner Umwelt. Welzer formuliert es so: Wir verzichten auf ein Leben ohne Lärm. Und das ganz selbstverständlich, obwohl wissenschaftlich erwiesen ist, dass Dauerbeschallung krank machen kann.

Welzer provoziert. Er führt uns unseren eigenen Lebensstil vor Augen – und im Anschluss ad absurdum. Er zeigt uns an deutlichen Beispielen, dass die Konsumgesellschaft des „ALLES IMMER“ nicht ewig funktionieren KANN. Ein unangenehmer Gedanke, der wieder an Verzicht und Endlichkeit erinnert. Aber Welzer macht auch klar, dass es eine Menge Dinge gibt, die uns durch Konsum als kulturelles Leitmotiv verloren gegangen sind. Eine reduktive Kultur, in der eben nicht nur Konsum und Ökonomie zählen, würde vieles verändern – und verbessern: „Statt ‘Wachstum’ wäre für sie ‘Kultivierung’ handlungsleitend, statt ‘Effizienz’ ‘Achtsamkeit’. Gegen ‘Schnelligkeit’ stünde ‘Genauigkeit’, gegen ‘ALLES IMMER’ ‘Saison’, gegen ‘Fremdversorgung’ ‘Resilienz’ und gegen ‘Konsum': Glück.“ (Welzer 2013, Seite 288, 289)

Dieses Reflektieren über die oft absurden Dinge, mit denen wir tagtäglich die Umwelt schädigen – manchmal unbewusst, manchmal ganz bewusst – hilft, das ein oder andere mit neuen Augen zu sehen. Welzer erinnert uns daran, dass die Welt, in der wir leben nicht in Stein gemeißelt ist und wir es in der Hand haben etwas zu verändern – ganz besonders, wenn es dabei so viel zu gewinnen gibt.

Zusammen mit den vielen Beispielen von Menschen, die etwas verändert haben, erscheint ein nachhaltiger Lebensstil gar nicht mehr so mühselig und die Idee, was man selbst anders machen könnte nicht mehr so absurd und „anders“. So gewinnen Einfälle, die ganz klein begonnen haben an Kraft, breiten sich aus, weil sie viele Menschen überzeugen und plötzlich sind sie nicht mehr unbekannt und das Werk eines Einzelkämpfers – sondern für viele Alltag, wie z.B. das „Urban Gardening“, bei dem Menschen in der Großstadt Bio-Gemüse anbauen und so die Gärten zurück in die Städte holen. (Bei Google hat „urban gardening“ inzwischen 28.000.000 Treffer… klingt nicht nach einem Randphänomen, oder?).

Wenn Sie also das nächste Mal von steigendem Meeresspiegel und gescheiterten Klimakonferenzen lesen, dann denken Sie an die Frage „Wie wollen wir gelebt haben“ und an die Geschichten des Gelingens. Vielleicht haben Sie ja selbst auch eine gute Idee, wie ein zukunftsfähiges Leben gelingen könnte. Denn eins ist klar: Nicht Angst wird den Planeten retten, sondern der Mut, etwas Neues auszuprobieren.

Harald Welzer: Selbst denken. Eine Anleitung zum Widerstand, Frankfurt am Main 2013. Erschienen im Fischer-Verlag, 19,99 € (auch als Taschenbuch erhältlich).

Kleine Autoritäten warten auf Klimawandel

Publiziert am 19. März 2014 von

Seit Jahren finden Klimaverhandlungen ohne bedeutende Fortschritte statt. Sobald es um konkrete Zusagen geht, verargumentieren Politiker Verantwortung hinter wirtschaftlichen Abwägungen. Der Koloss der Verhandelnden ermüdet nicht nur sich selbst, sondern auch das öffentliche Interesse. Eine erholsame Perspektive gelingt dem Künstler Isaac Cordal mit seinen kleinen Autoritäten.

Issac Cordal eröffnet eine provokante Sicht auf Klimaverhandlungen und gesellschaftliche Fragen, mit seiner Schar kleiner Zementfiguren. Die Männchen müssen entdeckt werden: Bedacht in unserer Umwelt in Szene gesetzt, fallen sie einem nicht ohne Weiteres auf.

Issac Cordal ist dafür bekannt, dringende Zeitfragen im Kleinen zu inszenieren. Um mit dem steigenden Meeresspiegel auf die Folgen des Klimawandels hinzuweisen, setzte Cordal eine Gruppe von Männchen in Nantes unter Wasser: Die Serie Waiting for Climate Change ist ein eindringender Gestus für die Konsequenz des Nichtstuns.

Um seine Misstrauen gegenüber Autoritäten – Geschäftsleuten und Politikern – hervorzuheben, sind die Figuren mit Aktentaschen ausgestattet. In Follow the Leaders warnt Cordal, Reichen und Mächtigen blind zu vertrauen. Zukunft wird nicht von Menschen gemacht, deren Interesse an Geld und Macht in der Gegenwart liegt.

La otra frontera--Follow the leaders: brainwashingSan JoseAmerican dreamAsceta?Waiting for 2018OpheliaFollow the leadersPrintemps, Nantes, FranceSt Nazaire, FranceFollow the leadersYoguiSURVIVORSHomeless$ pain : Take timeFuneral for a concrete figureTrapped in a life timeBlk River festival, Vienna, Austria

Seite von Issac Cordal: www.cementeclipses.com

Weltgrößte Solaranlage geht in USA ans Netz

Publiziert am 13. März 2014 von

Die Verwässerung von EU-Klimazielen ist schon absurd: Wer, wenn nicht Europa, sollte die Möglichkeit der Unabhängigkeit von schmutziger Energie unter Beweis stellen. Europa verfügt über das technische Know How und kommuniziert sich als Streiter für Gerechtigkeit. Aber die Pioneerleistung findet woanders statt: In Amerika geht die weltgrößte Solaranlage ans Netz.

Insgesamt 300.000 computergesteuerte Spiegel mit einer Höhe von sieben Metern und einer Breite von zehn Metern konzentrieren im Ivanpah Solar Electric Generating System das Licht der Sonne auf einen 140 Meter hohen Turm. In dem Sonnenwärmekraftwerk wandelt die Energie des Sonnenlichts Wasser in Dampf um, aus der eine Turbine Strom erzeugt.

Die Umsetzung des Projektes wurde lange durch administrative und rechtliche Hürden verzögert. Der Bau wurde gemeinsam von NRG Energy, Brightsource Energy und Google finanziert und ging am 13. Februar ans Netz.

Die drei Solartürme des Ivanpah Solar Electric Generating System haben eine Gesamtleistung von 392 Megawatt (MW), genug Strom um 140.000 Haushalte in Kalifornien mit sauberer Energie zu versorgen. Jährlich werden damit 400.000 Tonnen Kohlendioxid (CO2) eingespart, was dem Ausstoß von 72.000 Autos entspricht. Die Anlage erstreckt sich auf insgesamt 13 Quadratkilometer und befindet sich in Kalifornien an der Grenze zu Nevada, 75 Kilometer von Las Vegas entfernt.

Projekte, wie dieses scheinen sich nicht nur für den Klimaschutz auszuzahlen: Seit 2010 ist der Preis für Solarstorm aus Großanlagen um 48% auf 11,2 Cent auf ein Rekordtief gesunken. In den USA wurden in den letzten 18 Monaten mehr Kapazität an Solarstrom installiert als in den letzten 30 Jahren zusammen.

Auch wenn sich der ein oder andere die Atomkraft zurückwünscht oder auf Kohle setzt, der globale Umbau der Energiesysteme hat längst begonnen. Nicht nur in den USA, sondern auch in Indien und Australien sind kürzlich Megasolarprojekte umgesetzt worden. Europa sollte sich nicht abhängen lassen, sondern sich mit Ehrgeiz zum Energiepioneer entwickeln.

Quelle: Gizmodo

Bilder: BrightSource Energy, Inc.

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