Nicht jeder Mensch im Krieg ist Soldat

Publiziert am 18. Oktober 2015 von

Was heißt es, in einem Krieg zu leben? Dafür fehlt uns die Vorstellungskraft. In dem Videospiel This War of Mine muss man als Zivilist in einer umkämpften Stadt überleben – und schwierige Entscheidungen treffen.

Die Atmosphäre von This War of Mine ist bedrückend. Verschanzt in einem halb zerstörten Haus startet das Spiel mit den Charakteren Katja, Pavel und Bruno. Des Spielers Aufgabe ist es, für ausreichend Nahrung, Medizin und Brennholz zu sorgen. Sicherheit gibt es nicht, immer wieder brechen Plünderer in das Haus ein. Zwar lässt sich die Lage in der eigenen Wohnen durch den Bau von Gegenstände, wie Rattenfallen, Öfen oder Betten verbessern, doch um zu überleben, muss man auf Beutezug gehen – und wird so selbst zum Plünderer. Moral ist ein Luxus für Friedenszeiten, im Krieg zählt das eigene Überleben. Im Radio verfolgt man die schleichenden Verhandlungen.

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In der Stadt lässt sich nach und nach entdecken: Kirchen, Märkte, ein Bordel oder Militärstützpunkt, Wohnhäuser und Lagerhäuser. Dort findet der Spieler Gegenstände oder stößt auf andere Menschen. Jeder Mensch kann eine Bedrohung darstellen, betritt mein den falschen Raum, wird man möglicherweise erschossen. Immer wieder steht der Spieler vor moralischen Dilemmata: Beraube ich alte Menschen, um selbst zu überleben oder helfen ich und riskiere meine eigenen Figuren? Wende ich Gewalt an oder nicht? Ein Krieg bewertet nicht nach den moralischen Kategorien richtig oder falsch.

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Die eigenen vier Wände. Es gibt nicht viel, aber das Leben lässt sich erträglicher gestalten mit Betten, Öfen, Verschlägen gegen Einbrecher und mehr.

Überall lauern Gefahren: Auf offener Straße, beim Plündern fremder Häuser, selbst in der eigenen Wohnung. Absolute Sicherheit gibt es nicht. Eine falsche Entscheidung führt schnell zum Tod eines Charakters. Im Spiel ist speichern und laden nicht möglich. Stirbt ein Charakter, fehlt dieser nicht nur im Spiel, auch die Moral der Gruppe sinkt. Auch als Spieler fühlt man sich demoralisiert, denn in dem Spiel lernt man die Charakter mit ihrer Geschichte, soizalen Beziehungen, Wünschen und Träumen kennen.

Serious Games

Unter Serious Games (englisch für ernsthafte Spiele) versteht man digitale Spiele, die nicht primär oder ausschließlich der Unterhaltung dienen, wohl aber derartige Elemente zwingend enthalten. Gemein haben Serious Games – sowie auch Lernspiele – das Anliegen Information und Bildung zu vermitteln; dies sollte in einem möglichst ausgeglichenen Verhältnis zu Unterhaltungsaspekten geschehen. Ein authentisches und glaubwürdiges, aber auch unterhaltendes Lernerlebnis steht im Mittelpunkt des Interesses, Genre, Technologie, Plattform und Zielgruppe variieren hingegen. Eine formale Abgrenzung zu reinen Unterhaltungsspielen ist nur schwerlich möglich, da immer die Art und Weise der Verwendung durch den Konsumenten entscheidend für das Erfüllen dieser Kriterien ist.

Quelle: Wikipedia, Serious Games, 18.10.2015

Die meisten Kriegsspiele erzählen die glorifizierte Geschichten von Soldatenhelden. In den beliebten Shooter-Serien Battelfield, Call of Duty, Crysis, Helo, Far Cry oder Hitman kämpfen Spieler sich den Weg frei. Was Krieg für Zivilisten bedeutet erfährt man nicht. Serious Games hingegen haben ein ernsthaftes Anliegen: Anders als ein Zeitungsartikel ermöglichen Spiele, Ereignisse zu erleben, also zu fühlen. Spielemechanismen (Gamification) wie Charakterentwicklung, Level, Missionen oder Feedback motivieren Spieler, sich tiefgründig mit realen Anliegen zu befassen und sie wie eigene Erfahrungen zu speichern. Kaum ein Medium ist so gut geeignet komplexe Informationen zu vermitteln wie Spiele. Untersuchungen zeigen, dass bei Spielen ein größerer Teil vom Gehirn aktiviert wird (bis zu 100 Prozent) als beim Lesen von Informationen (etwa 5 Prozent).

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Begegnung mit einem Bewaffneten in einem geplünderten Supermarkt. Hilfe oder Bedrohung?

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Jede Nacht muss man die Spielfiguren zum Schlaf, als Nachtwache oder für Plündertouren in der Stadt einteilen. Mit der Zeit gibt es auf der Karte immer mehr Ort zu entdecken.

2014 wurde das Spiel von 11 bit studios, einem Team aus Warschau, nach zwei Jahren Entwicklung veröffentlicht. Es hat zahlreiche Auszeichnungen erhalten. Chefentwickler Pawel Miechowski sagte Zeit Online: „Wir glauben nicht, dass Spieler immer nur Entertainment wollen. Es ist an der Zeit zu erkennen, dass das Medium erwachsen genug ist, wichtige Themen zu behandeln.“ Miechowski erklärte, dass sowohl Eindrücke der Konflikte in Bosnien, Syrien sowie aus dem Irak in das Spiel eingeflossen sind, genau so, wie Berichte aus dem Zweiten Weltkrieg, zum Beispiel aus den Ghettos Warschaus. Die Entwickler haben viele persönliche Geschichten von Zivilisten in Kriegen gelesen. Am meisten hat sie der Text One Year in Hell beeinflusst, in dem ein anonymer Zivilist das Überleben im Bosnienkrieg schildert. In der neuen Erweiterung This War of Mine: The Little Ones schlüpft man in die Rolle von Kindern.

Das Spiel basiert auf Runden und endet nach etwas mehr als dreißig Tagen mit einer Friedensmission. Als Spieler ist man erleichter, dass der Krieg vorbei ist. Tatsächlich dauern die meisten Konflikte länger: Der Bürgerkrieg in Syrien hält seit März 2011 mittlerweile über vier Jahre an. Laut Vereinte Nationen sollen bis März 2015 über 220.000 Menschen getötet worden sein. Die Gräueltaten gegen Zivilisten sind mit denen, die man ihm Spiel erlebt nicht vergleichbar. Jeder Mensch, der einen Krieg überlebt, verdient die Würde unserer uneingeschränkten Unterstützung.

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Die Scharfschützenallee. Wer hier nicht aufpasst, wird erschossen.

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Plünderung in einem Wohnhaus. Ob das Gebäude bewohnt ist, erfährt der Spieler nur, wenn er auf Geräusche und Bewegungen achtet.

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Hanno Groth

Hanno Groth

Hanno Groth schreibt für Gradmesser über Kommunikation in der Netzwelt, Geschichten aus der Zukunft und den Wandel in unserer Gesellschaft.
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