Die Strandwesen von Theo Jansen

Publiziert am 30. August 2015 von

Wann beginnt Leben? Grübelnd begegnen wir dieser Frage, sehen wir die Wesen von Theo Jansen am Strand von Scheveningen flanieren. Seine Strandbeests scheinen aus einer anderen Welt. Sie verraten uns viel über Evolution, Kreativität und Träume.

Lawrence Weschler bezeichnet Jansen in dem Bildband Strandbeest als „ein Dilettant und Tüftler, ein Träumer und Flaneur“, eine „Kreuzung aus Leonardo da Vinci und Don Quijote“. Jansen studierte Physik, beschloss aber bei dem Gedanken an seine bevorstehende Arbeitswelt, Maler zu werden. Eine Interesse an dem Fremden und an der Bewegung besaß er immer. Den Lesern der überregionalen Zeitschrift De Volkskrant stellte er in einer regelmäßigen Kolumne seine skurrilen, aber seiner Meinung nach realistischen, Erfindungen vor: Neuartige Telefone, ein Flugzeug mit Frontal-Auskug oder eine alternative Methode, Fußballspiele zu übertragen. 1980 bastelte er ein mit Helium gefülltes „Ufo“ (4,5 Meter im Durchmesser) und lies es bei einem Sturm über Delft steigen. Der Scherz endete in Panik unter Bewohnern und einer Verfolgungsjagd durch die Polizei. Orson Welles grüßt!

Jansen_klein

Die Erkenntnis, dass der Meeresspiegel ansteigt – eine für die Niederlande durchaus bedeutsame Tatsache – veranlasste Jansen im Februar 1990 dazu, den Vorschlag zu unterbreiten, ganze Herden an Strandkreaturen zu erschaffen, deren Aufgabe es sein sollte, Sandkörner von Unten hoch auf die Dünen zu bewegen. Mit dieser Idee stellte er die ersten beiden Prototypen an Strandwesen vor.

Seit dem Moment an entwickelte Jansen diverse Modelle und verfeinerte ihre Technik. Nicht nur die Bewegungsstrukturen hat Jansen mittels Computer-Rechnungen optimiert, auch speichern seine Wesen Energie (als Druckluft in Plastikflaschen) und können ihre Richtig ändern, zum Beispiel bevor sie ins Meer laufen. Man würde in Jansens‘ Arbeit sicher nichts Außergewöhnliches finden, wenn er nicht komplett auf Elektronik oder Strom verzichten würde. Seine pneumatischen Wesen kommunizieren direkt mit der Umwelt – ohne Bits und Bytes.

Wir glauben, dass wir in der wirklichen Welt leben, doch das ist einfach nicht wahr. Wir leben in unserer Vorstellung von der Welt. Wir träumen unsere Leben. Der Traum wird zum einen vom Sinnen genährt, zum anderen von einer inneren Quelle von Gedanken und Ideen.

Mithilfe eines an die Evolution angelehnten Rechenmodells entwickelte Jansen einen Gehen-Algorithmus, bestehend aus elf miteinander verbundenen Streben. Die Herausforderung ist, die perfekte Länge für jedes Stäbchen zu finden, um so die optimale Beinbewegung zu finden. Bei nur zehn möglichen Längen ergeben sich bereits 10.000.000.000.000 Bewegungsmuster. Sein Programm legte Längen per Zufall fest, selektierte jeweils die schnellsten Kombinationen und „mutierte“ diese weiter. Da Jansen Zufallsmutationen miteinander konkurrieren lies, umging er den Bedarf eines Super-Rechners, der (dumm) Milliarden Kombinationen vergleichen müsste. Er definierte lediglich das Ziel (Schnelligkeit der Bewegung); gemäß „natürlicher“ Selektion evolutionierten seine Modelle dann bis zum perfekten Ergebnis.

No Man’s Sky: Evolutionsmodelle in Computerspielen (Exkurs)

Auf dem Markt für Computerspiele gibt es derzeit eine vergleichbare innovative Neuheit: Während sich in den letzten Jahren Spiele vor allem durch Storytelling, Realismus und Größe der Spielwelt Konkurrenz machten, revolutioniert Hello Games mit dem Spiel No Man’s Sky derzeit den Markt. Das Weltraumabenteuer ist von schier unvorstellbarer Größe: 18 Trillionen Planeten können bereist und bis ins Detail erkundet werden. So wie Jansens Evolution im Computer, basieren fast alle Elemente in No Man’s Sky auf mathematischen Formeln: Planeten, Tiere, Pflanzen, etc. Selbst die Programmierer haben damit kaum etwas von dem Spiel gesehen. Es ist vermutlich kein Zufall, dass der Gründer von Hello Games Sean Murray in Interviews ähnlich verträumt-visionär erscheint wie Jansen. Er gehört der selben selten Art von Träumern an wie Jansen. Hätte er kein Unternehmen gegründet, hätte es das Spiel vermutlich nicht gegeben, sagt er. Dank ihm werden viele Spiele folgen, die nach dem Evolutionsprinzip gestaltet sind.

Die „heiligen Nummern“ (die Längen der Beinstreben) hat Jansen zum Nachbau auf seiner Internetseite veröffentlicht. Mit ihnen laufen sein Wesen auf perfekt aufeinander abgestimmten Füßen. Verbunden sind die vielen Füße, über „eine Art Rückgrat“, eine Art Kurbelwelle, die sich dreht.

Für seine Wesen verwendet er nur wenige Materialien: Sein Grundwerkstoff sind Plastikröhren (die er als das “Protein” seiner Geschöpfe bezeichnet), Segelstoff, Kabelbinder, Fäden, Klebeband und Plastikflaschen als Energiespeicher. Seine perfektionierten Konstruktionen werden vom Wind zum Leben erweckt. Davon gibt es immerhin genug am Meer.

Flickr / Strandbeest – via Iframely

Flickr / Strandbeest – via Iframely

Flickr / Strandbeest – via Iframely

Flickr / Strandbeest – via Iframely

Flickr / Strandbeest – via Iframely

Flickr / Strandbeest – via Iframely

Flickr / Strandbeest – via Iframely

Flickr / Strandbeest – via Iframely

Flickr / Strandbeest – via Iframely

Flickr / Strandbeest – via Iframely

Jansens‘ Maschinen erinnern an die vergilbten Entwürfe Leonardo da Vincis. Er hat sich nicht nur vom Strand inspirieren lassen. Sowohl der Evolutionsbiologe Richard Dawkins als auch die Maler Jan Porcellis und Anton Mauve oder der Mathematiker Simon Stevin lieferten Inspirationen. Bemerkenswert, denn interdisziplinäres Denken – insbesondere in Verknüpfung beider Hirnhälften (Logik links, Kreativität und Bildverständnis rechts) – ist heute selten. Wo beginnt Leben? Theo Jansen beantwortet diese Frage nicht, aber er forscht. Seine Werke ermutigen zu utopischen Denken und verleihen Fortschritt wieder die Würde, die er über Jahrtausende besaß: Kreativität, Träume und Mythologie sind in seiner Welt wichtiger als Profit und Ausbeutung.

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Hanno Groth

Hanno Groth

Hanno Groth schreibt für Gradmesser über Kommunikation in der Netzwelt, Geschichten aus der Zukunft und den Wandel in unserer Gesellschaft.
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