#Haulternative – Blogger-Kampagne für Secondhand-Kleidung

Publiziert am 30. April 2015 von

Mit prall-gefüllten Shopping-Tüten präsentieren sie stolz ihre neuste Ausbeute: Fashion Haulers gehören zu den neuen Stars der YouTube-Generation. Vor allem eines scheint wichtig: Möglichst viel, möglichst billig. Der Konsumrausch versetzt auch die hunderttausenden, meist jugendlichen Abonnenten in Kauflaune. Dass Video-Blogger ihre Reichweite sinnvoller einsetzten könnten, zeigt die Kampagne #haulternative zum Fashion Revolution Day. Der Hype: Secondhand statt Billigmode.

Fast Fashion ist ein Phänomen. In immer schnellerer Taktung ersetzen internationale Modefirmen ihr Schaufensterkollektionen und erhöhen so den Druck auf die jungen Käufer, immer mehr zu kaufen, um trendgerecht gekleidet zu bleiben. Ein Party-Top wird laut Untersuchungen in den USA im Schnitt nur noch 1,7 Mal getragen. Der kollektive Rausch hat globale Folgen: Die Textilindustrie trägt zur Verschmutzung von Gewässern durch gefährliche Chemie bei – seit drei Jahren bekämpft Greenpeace mit der Detox-Kampagne dieses Problem. In der Produktion herrscht nur ein Gebot: Hauptsache billig. Am 24. April 2013 stürzte in Bangladesch die Kleidungsfabrik Rana Plaza ein und tötete über 1.100 Menschen. Tausende Textilarbeiter blieben verletzt oder invalide zurück. Etliche internationale Firmen ließen dort produzieren.

Noodlerella

Quelle: Noodlerella

Der Fashion Revolution Day findet jedes Jahr zur Erinnerung der Opfer am 24. April statt. Er gibt den Menschen in der Textilproduktion ein Gesicht – das beste Mittel gegen Billigprodukte! Neben einen Aufruf an Firmen (#whomademyclothes), wurden YouTube-Blogger eingeladen, Secondhand-Kleidung statt Fast Fashion zu „haulen“ und so gemeinsam mit ihren Fans Kleidung wieder mehr Wert zu schätzen.

Die 21jährige Filmstudentin Connie Glynn aus Sussex ist eine der Video-Bloggerinnen, die an der Aktion teilgenommen hat. Als Noodlerella podcastet sie aus ihrer rosaroten Welt zweimal in der Woche an ihre über 60.000 Abonnenten. Eines ihrer Formate sind Haul-Videos. „Haul“ meint zu Deutsch soviel wie Beute, also Schnäppchen. 2005 wurde auf YouTube das erste Haul-Video veröffentlicht. Bis zu £200 gibt Noodlerella pro Shopping-Trip aus, am liebsten bei American Apparel, berichtet der Telegraph. Die YouTuber Cutiepie Marzia, Bip Ling, My Green Closet, Alice Wilby und Sienna Somers beteiligen sich ebenfalls an der Kampagne, deutsche Blogger bisher nicht (Ich freue mich über Hinweise).

Klassische Haul-Videos beschleunigen vermutlich den Überkonsum von Jugendlichen. Eine Greenpeace-Umfrage zeigt, dass Informationsquellen zu Mode für Jugendliche immer digitaler werden und immer häufiger direkt an Verkaufsinteressen gekoppelt sind. 43% der 12- bis 19-Jährigen erhält Modeanregungen über digitale Marktplätze wie Amazon, 35% sogar direkt auf den Internetseiten der Marken selbst. Im Blick junger Menschen verschwimmen unabhängige und arrangierte Quellen schnell. Die freundlichen Video-Blogger sind nicht alle so unabhängig, wie sie wirken. Einige finanzieren sich über Bloggerprogramme: Mode- oder Kosmetikfirmen zahlen für zum Teil kaum erkennbare Schleichwerbung.

Detox-Kampagne

Mit der Detox-Kampagne setzt sich Greenpeace seit 2011 für eine saubere Textilproduktion und gegen gefährliche Chemie ein. 31 bekannte Modemarken von Adidas über H&M haben sich bereits verpflichte, ihre Produktion bis spätestens 2020 zu entgiften.

Fashion Revolution Day

Der Fashion Revolution Day setzt sich am Jahrestag von Rana Plaza am 24. April dafür ein, ein Bewusstsein für die wahren Kosten von Mode zu schaffen. Mit dem gemeinsamen Event sollen werden alle eingeladen, sich für eine nachhaltigere Textilproduktion einzusetzen.

Clean Clothes Campaign

Die Kampagne für saubere Mode setzt sich in verschiedenen Projekten für die Rechte von Arbeiterinnen und Arbeitern in der Textilproduktion ein.

Aber es geht auch anders, wie die Kampagne #HAULternative zeigt. Wir können zusammen einen anderen Umgang mit Mode lernen. An Stelle von Fast Fashion (kaufen, tragen, wegwerfen, repeat) schätzen wir den Wert von Mode und leihen, tauschen, reparieren. Wir respektieren die Menschen statt die Preise. Secondhand-Läden müssten dann nicht 80 Prozent ihrer Ware entsorgen, weil sich die Lager ausrangierter Kleidung zu schnell füllen (wie in den USA zurzeit der Fall ist). Dass laut Greenpeace-Umfrage 70 Prozent der Jugendlichen Secondhand-Kleidung als „nicht sauber“ empfinden, zeigt wie sehr wir uns entfremden.

#haulternative können diese Einstellung nicht von heute auf morgen ändern, aber sie können bei Jugendlichen sicher mehr bewirken als ein Appell ihrer Eltern. Wir brauchen mehr Sprecher für Alternativen unter Jugendlichen selbst. Wir brauchen mehr Kampagnen wie diese!

Hanno Groth

Hanno Groth

Hanno Groth schreibt für Gradmesser über Kommunikation in der Netzwelt, Geschichten aus der Zukunft und den Wandel in unserer Gesellschaft.
Hanno Groth

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