Aus der Tiefe der See

Publiziert am 9. Januar 2015 von

Das Meer war Jahrtausende ein mythologischer Ort, das Monster beheimatete, dem Götter entstiegen, dessen Tiefe und Weite unermesslich schienen. Noch immer wissen wir wenig über das Leben unter seiner Oberfläche. Der Fotograf Alexander Safonov zeigt, welcher Anblick uns verloren gehen könnte.

Den Reichtum und die Vielfalt der Meere als Geschenk – und nicht als Bedrohung – anzusehen, fiel selbst eingefleischten Seefahrern schwer; zu groß war die mystische Strahlkraft der unbekannten Tiefe. Den marinen Lebensraum sogar als erschöpflich zu betrachten, undenkbar! Man hatte keine Möglichkeit, unter die Oberfläche zu schauen; das schuf Ängste. Zum Beispiel beschrieb Herman Melville (1819 – 1891) in die verzauberte Inseln das Seeleben um die Galapagos-Inseln wie folgt (und hält sich mit sprachlichen Übertreibungen nicht zurück):

Es ist zu bezweifeln, ob irgendeine Stelle auf der Erde dieser Inselgruppe an Trostlosigkeit gleichkommt. […] An vielen Stellen ist die Küste von Felsen oder, richtiger gesagt, von Brocken umsäumt, […] die hier und da dunkle Klippen und Höhlen bilden. In diesen peitscht eine rastlose See wütend ihren Gischt, der wie ein wogender grauer wilder Nebel darüber hängt und inmitten dessen Schwärme unirdischer Vögel ihr Kreische in das trübselige Getöse mischen.

Sicher, nicht alle Geschichten über das Meer – liest man zum Beispiel Darwins Galapagos-Berichte – waren derart diabolisch wie die von Melville. Dennoch repräsentierte und prägte er eine landläufige Meinung und ist selbst lange auf den Meeren unterwegs gewesen. Was wir nicht verstehen, macht uns Angst und wir (er)finden mythologische Erklärungen – nicht für uns, sondern für das Andere. Vielleicht kein Wunder: Der Mensch hatte kaum einen Einblick unter die Meeresoberfläche, um seine Wahnvorstellungen zu entwirren.

Der aus Hong Kong stammende Fotograf Alexander Safonov (bei Flickr) zeigt ein anderes Bild der Vielfalt der Meere. Der Software-Ingenieur machte 2002 seine Taucherausbildung und begann zwei Jahre später mit Unterwasseraufnahmen zu experimentieren. Aufnahmen hat er weltweit gemacht – auf den Kokos-, Fiji oder Galapagos Inseln. Sein Lieblingsort ist jedoch die Küste Südafrikas, wo sich einmal im Jahr Sardinenschwärme versammeln (the sardine run) und andere Jäger anlocken.

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Verglichen mit Melville sieht Safonov eine andere Welt unterhalb der Meeresoberfläche:

Es sind riesige Schulen von Sardinen, einige schätzungsweise 15 Kilometer lang, die sich entlang der wilden Küste jedes Jahr im Winter versammeln, aus den Gründen, die noch nicht vollständig von der Wissenschaft verstanden werden. Die Schulen bleiben in der Regel ziemlich tief, im Bereich von 40-60 Meter.

Delfine teilen die gigantischen Schulen in kleinere sogenannte Köder-Gruppen und drängen sie in flache Gewässer, wo die Jagd einfacher ist. Verschiedene Arten von Haien ergreifen die Gelegenheit, die ihnen die Delphine bieten, da die Bewegungsmuster und die Dichte großer Schulen sie vermutlich verwirren, was das Fressen großer Schulen erschwert – das ist ein Grund, warum kleine Fische sich bei Bedrohungen immer instinktiv zusammenrotten.

Vögel, die meist große Entfernungen auf der Suche nach einzelnen Fischen zurücklegen, kommen in mächtigen Schwärmen und profitieren von den großzügigen Angeboten. Edelfische wie Thunfisch und Speerfische schließen sich dem Rausch an. Zuletzt kommen auch die Brydewale zu der Sardinenmalzeit. Das Ergebnis ist eine einzigartige Jagd-Gemeinschaft und ein Futter-Wettbewerb zwischen vielen Arten, was nicht nur eines der spektakulärsten Naturereignisse auf Erden ist, sondern auch Puzzle voller offener Fragen für die Wissenschaft. (via Petapixel)

Durch Klimawandel, Ölunfälle, Müll, Schifffahrt, Überfischung werden die Meere heute durch uns Menschen akut bedroht. Viele Meereslebewesen sind vorm Aussterben bedroht, einige sind bereits verschwunden. Trotzdem weigern sich einige Nationen und Unternehmen, sich auf dringend notwendige Schutzmaßnahmen zu verständigen. Es wäre schade, wenn wir diesen Lebensraum zerstören. Jetzt, wo wir anfangen, ihn zu verstehen.

Fotografen wie Alexander Safonov können helfen, unser Streben für die Bewahrung der Meere zu befeuern. Technik hilft ihm dabei. Wie würde Melvilles Bewertung wohl ausfallen, hätte er über Safonov’s Einblicke verfügt? Wir wissen es nicht. Fest steht: Wenn wir die Meere schützen wollen, müssen wir erkennen, dass die wahren Monster nicht in der Tiefe der See lauern. Die Monster, das sind wir.

Hanno Groth

Hanno Groth

Hanno Groth schreibt für Gradmesser über Kommunikation in der Netzwelt, Geschichten aus der Zukunft und den Wandel in unserer Gesellschaft.
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