Der stumme Planet

Publiziert am 8. Januar 2015 von

Wissenschaftler tun sich schwer, den genauen Verlust der Artenvielfalt zu beziffern. Eines ist allerdings unumstritten: Sollte die derzeitige Geschwindigkeit anhalten, steht der Erde ein neues Massensterben bevor. Wenn wir nicht bald auf einem stummen Planeten leben wollen, müssen wir das Ausrotten von Arten stoppen. Eine interaktive Webseite kartiert die Verluste und mahnt zur Wahrung von Vielfalt.

Wenn die derzeitige Geschwindigkeit des Artensterbens anhält, zeigt eine neue Studie, könnten bis ins Jahr 2200 41% der Amphibien, 25% der Säugetiere und 13% der Vögel verschwunden sein. Der Verlust der Artenvielfalt wäre eine direkte Auswirkung menschlichen Verhaltens: Zerstörung von Lebensräumen, Verschmutzung, Überfischung und Klimawandel. Menschen sind zwar nicht die einzige Ursache, aber die erste. Dazu kommt, dass die Studie sich nur mit einem kleinen Teil der Arten befasst hat. Der Verlust könnte also noch drastischer ausfallen.

In einer weiteren Studie aus dem Jahr 2014 sprechen Wissenschaftler bereits vom sechsten „Massenaussterben“ in der Geschichte der Erde. Das letzte ereignete sich vor 65,6 Millionen Jahren und beendete – nach 165 Millionen Jahren – das Zeitalter der Dinosaurier (die Mesozoikum-Ära und Periode der Kreidezeit). Das jetzige Aussterben verläuft 1.000mal schneller ab: Alle 20 Minuten stirbt eine Tier- oder Pflanzenart aus.

what is missing

Das Projekt What is missing? versucht das Artensterben auf einer interaktiven Webseite zu dokumentieren. Auf einer Karte lassen sich die Arten entdecken, die in den letzten Jahrtausenden ausstarben und die derzeitigen Artenschutzbemühungen von Umweltschutzgruppen werden vorgestellt. Am Earth Day (22. April 2015) wird eine „Grünpause“ freigeschaltet, die eine Vision für die Zukunft entwirft. Besucher der Seite können der Karte persönliche Erinnerung an Arten zufügen. Außerdem gibt es zahlreiche Tipps, zum Beispiel den Fleischverzehrs einzuschränken oder die nachhaltiger Landwirtschaft zu unterstützen.

Die New Yorker Multiaktionskünstlerin Maya Lin rief What is missing? 2003 ins Leben. Das Projekt wird finanziell primär vom Cornell Lap of Ornithology und dem WWF getragen und durch zahlreiche Organisationen wie Greenpeace, IUCN oder Oceana sowie Museen und Bildungsinstitutionen unterstützen.

The mission of the What is Missing? Foundation is to create, through science–based artworks, an awareness about the present sixth mass extinction of species, connect this loss of species to habitat degradation and loss, and emphasize that by preventing deforestation, we can both reduce carbon emissions and protect species and habitats. What is Missing? is a wake up call and a call to action. It will build awareness about species loss and highlight what scientists and environmental groups throughout the world are doing to protect species and habitats. It will also show what each individual can do to help protect species and their habitats. What is Missing? will give people a sense of hope and purpose as to what can be done to help.

Was ist uns Artenvielfalt wert? Dazu stellt die Seite einige Vergleiche auf. Der Schutz der Meere würde uns schätzungsweise 13 Milliarden US-Dollar kosten (soviel wie Europäer und US-Amerikaner für Parfüm ausgeben). Den weltweiten Artenschutz könnten wir mit 31 Milliarden US-Dollar finanzieren (Japaner geben jährlich mehr für Entertainment aus). Alleine ins Glücksspiel fließen weltweit 144 Milliarden pro Jahr.

Im Jahr 1962 veröffentlichte die Biologin Rachel Carson ihr Buch Der stumme Frühling („stumm“, weil durch die Beeinträchtigung der Nahrungskette Vögel sterben und ihre Gesänge verschwenden). Ihre drastische Schilderung der Auswirkungen von Insektiziden auf die Tier- und Pflanzenwelt führte nach heftigen politischen Debatten zum Verbot von DDT in den USA und vielen andere Ländern. Das Buch Der stumme Frühling erweckte eine globale Umweltbewegung. Wir –  die Kinder dieser Bewegung – sollten alles tun, um den Reichtum der Natur zu erhalten, sonst werden unsere Enkel auf einem stummen Planeten leben und viele Tiere und Pflanzen nur noch im Internet bewundern, aber nie selbst erleben können.

Hanno Groth

Hanno Groth

Hanno Groth schreibt für Gradmesser über Kommunikation in der Netzwelt, Geschichten aus der Zukunft und den Wandel in unserer Gesellschaft.
Hanno Groth