Weltklima: Jetzt verhandeln wir!

Publiziert am 21. Dezember 2014 von

Das Autoren-Regie-Team Rimini Protokoll lädt ein zur Weltklimakonferenz im Deutschen Schauspielhaus in Hamburg. Die Zuschauer spielen dabei die Rolle der Delegierten aus 195 Nationen. Innerhalb von drei Stunden besuchen sie Vorträge, Meetings und Diskussionsrunden. Am Ende steht für jede Delegation die Entscheidung an, welchen Beitrag ihr Land zum Schutz des Weltklimas leisten wird. Kann das Zweigradziel noch erreicht werden?

Am Eingang bekommen wir ein Informationsheft um den Hals gehängt. Es enthält verschiedene Auskünfte und Statistiken über das Land, das wir vertreten sollen. Ich bin ab jetzt als Mitglied der dreiköpfigen Delegation von El Salvador zu erkennen.

Um 20 Uhr eröffnet Florian Rauser die Konferenz. Rauser arbeitet für das Max-Planck-Institut für Meteorologie in Hamburg. Schon hier zeigt sich, wie Rimini Protokoll arbeiten: Keine der Veranstaltungen, die die Delegierten an diesem Abend besuchen, wird von Schauspielern begleitet. Wir werden von echten Experten beraten. Mit dabei sind neben dem Max-Planck-Institut auch das Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung und das Alfred-Wegner-Institut. Die Nichtregierungsorganisationen werden durch Germanwatch repräsentiert.

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Nach der Eröffnung geht es für meine Delegation weiter zum Treffen der Regionalgruppe Nordamerika/Mittelamerika. Hier erklärt Ana Soliz L. de Stange vom German Institute of Global and Area Studies die Situation verschiedener Verhandlungsparteien am Beispiel einer berühmten Schachpartie. Kurze Zeit später ertönt das Signal zum Aufbruch. Im 20-Minuten-Takt eilen wir von einer Station zur nächsten. Alles muss schnell gehen, es bleiben nur wenige Minuten Zeit, um zum nächsten Ort zu gelangen. Neben der Informationsflut, die die Delegierten verarbeiten müssen, vermittelt der Zeitdruck den Teilnehmern eine realistische Konferenzatmosphäre. Ebenso realistisch ist auch der Shuttlebus, der vorm Eingang des Schauspielhauses wartet. Während einer Tour durch St. Georg bringt uns Sebastian Sonntag eine Konsequenz des Klimawandels näher, die unsere Regionen besonders betreffen könnte: Szenario Stürme.

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Um 22:40 Uhr sind viele Delegierte bereits erschöpft – vielleicht ein bisschen erschlagen von vielen Informationen in kurzer Zeit, schwierigen Verhandlungen oder Strategieberatungen. Doch jetzt wird es nochmal spannend, denn für jede Delegation gab es drei Entscheidungen zu fällen: Wie Prozent der Treibhausgasemissionen kann das eigene Land bis 2020 reduzieren? Wie viel bis 2050? Und wie viel Dollar ist mein Land in der Lage in den Green Climate Fund, der ärmere Länder bei der Bewältigung von Klimafolgen unterstützen soll, einzuzahlen?

Die Weltklimakonferenzen der Vereinten Nationen (Conferences of the Parties, COP) finden nach der Vereinbarung des Kyoto Protokolls jährlich seit 1995 statt. Gastgeber der diesjährigen 20. Konferenz war Peru. 2015 findet das nächste Treffen in Paris statt. Die Staaten verhandeln dort ihre nationalen Beiträge zum Klimaschutz. Unabhängige Organisationen kritisieren die oftmals zu schwachen Maßnahmen der Nationen und die mangelnde Verbindlichkeit der Zusagen. (Beitrag auf Wikipedia).

Obwohl im Schauspielhaus Nationen, die derzeit viel Treibhausgas emittieren, geradezu paradiesische Reduktionsversprechungen machen, ist das Zweigradziel noch lange nicht sicher erreicht. Doch das Ziel des Abends nicht die wirklichkeitsgetreue Nachahmung der Klimakonferenz in Peru. Rimini Protokoll sensibilisiert mit der Inszenierung „Weltklimakonferenz“ für ein wichtiges Thema und verbindet gleichzeitig Theater mit Politik. Die Veranstaltungen, die an den verschiedensten Orten des Theaters stattfinden, sind mal mehr dokumentarisch, mal eher literarisch konzipiert. Dabei schwingt immer auch ein Appell mit: Nachdem ihr nun mit Emissionszertifikaten in Form von Keksen gehandelt habt, zeigt auch in der Wirklichkeit Interesse für Klimaschutz und mischt euch ein!

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Nach der Verkündung der Beschlüsse, erstrahlt der große Saal des Schauspielhauses im Licht einer großen Sonne. Licht wird mit Erkenntnis assoziiert. Doch es ist ein zwiespältiges Bild, mit dem die Delegierten verabschiedet werden: Die Sonne dreht sich ins Publikum und blendet. Sie steht in diesem Moment auch für die Gefahr, die uns erwartet, wenn wir nicht handeln.

Die große Stärke der Inszenierung besteht in der Verzahnung von Fiktion und Wirklichkeit. Die Veranstaltungen der Konferenz sind mal eher unterhaltsam, mal mehr informativ aufgebaut, aber fast alle Programmpunkte sind auf ihre eigene Art spielerisch gestaltet. Damit die Inszenierung gelingt, muss das Publikum mitspielen. Neben dem (Theater-)Spielen ist eines jedoch klar: Zeitgleich diskutieren „echte“ Abgesandte aus fast 200 Nationen über ein gemeinsames Klimaschutzabkommen.

Rimini Protokoll gelingt mit „Weltklimakonferenz“ die Perspektive der Menschen und damit auch ihr Nachdenken zu verändern: Wer vorher allenfalls Nachrichtenkonsument war, ist plötzlich Akteur. Dabei kamen zumindest in meiner Delegation interessante Fragen auf. Wie viel Wissen braucht man, um am Ende eine angemessene Entscheidung zu treffen? Wer sind eigentlich die „echten“ Delegierten? Wie viel Wissen haben sie? Was legitimiert sie, ihre Nation zu vertreten?

Weitere Vorstellungen von Weltklimakonferenz finden am 18. und 20. Januar und am 22. Februar 2015 im Schauspielhaus Hamburg statt. Vielen Dank an Benno Tobler für die Bereitstellung der Fotos.

Eileen Wolf

Eileen Wolf

Eileen Wolf studiert Deutsche Sprache und Literatur und Psychologie an der Universität Hamburg und ist seit 2008 ehrenamtlich bei Greenpeace aktiv.
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