Die Natur spricht

Publiziert am 20. Oktober 2014 von

Die Natur braucht keine Menschen. Menschen brauchen Natur. Mit den kraftvollen Stimmen von Julia Roberts, Harrison Ford, Kevin Spacey, Edward Norton, Penélope Cruz und Robert Redford verbreitet die US-Umweltschutzorganisation Conservation International (CI) diese Botschaft in fünf Videospots.

Umweltschutz hat häufig ein Kommunikationsproblem: Wie lassen sich langfristige Maßnahmen für den Erhalt unserer Ökosysteme wirksam vermitteln? Kurzfristige Errungenschaften erscheinen uns immer attraktiver, als abstrakte generationsübergreifende Projekte wie der Klimaschutz. Das Systemische verliert sich im Handgemenge von Kleintätigkeiten, das Ästhetische vergraut der Alltag. Die Natur verbannen wir in die hintersten Ecken unserer Gedanken.

The Ocean

Wie John Nelson mit dem Atem der Erde, richtet nun CI unsere Aufmerksamkeit auf das große Ganze: einen lebendigen Planeten. In den fünf Videospots The Nature is Speaking sprechen Mutter Natur, das Meer, der Regenwald, die Erde, das Wasser und die Mammutbäume zu uns. Die prominenten Stimmen sind kraftvoll, mal böse, mal sarkastisch. Ihre Botschaft ist immer dieselbe: Die Natur braucht keine Menschen. Menschen brauchen Natur. Wie beim Atem der Erde vermitteln die Filme eine subversive Nachricht: Die Menschheit denkt in falschen Zeiteinheiten. Sie denkt zu kurz.

„Die Natur hat ihre Relevanz in unserem täglichen Leben verloren und wenn sie doch vorkommt, dann denken wir nur an sie, wenn wir alle anderen dringenden Probleme erledigt haben,“ sagt Dr. Muttulingam Sanjayan Co.Exist, Vizepräsident und wissenschaftlicher Vorsitzender von CI. „Wir denken, das ist ein Fehler und wollen Menschen daran erinnern, dass die Natur alles bereitstellt, damit es uns gut geht und wir überleben. Wir sind untrennbar mit der Natur verbunden.“

Die Filme wurden von der Werbeagentur TBWA umgesetzt und verzichten auf dramatische Bilder von Umweltzerstörung, setzen stattdessen auf ästhetische Motive unberührter Natur. Auch die Arbeit von CI wird in keinem der Filme erwähnt. Auf den Zuschauer wirkt allein die Kraft der Worte und Bilder.

Und genau das wird kritisiert: Zu viel Pathos, zu wenig Handlungsaufforderung. Lediglich vier – recht einfache – Aktionsaufrufe werden an den Zuschauer gerichtet: (1) Verbreite den Hashtag #natureisspeaking (dann spendet Hewlett Packard eine US-Dollar an CI), (2) teile die Filme im Netz, (3) sage wie du auf die Natur hörst und (4) spende an CI. Alles (zu) schnell erledigt, findet Phillip Haid, in Anbetracht der kraftvollen Ansprache durch die Naturgewalten.

The Nature is Speaking macht die Umwelt fühlbar, ihr Schutz gewinnt an Bedeutung. Die emotionale Ansprache ist gut: Gefühle helfen unserem Gehirn wichtige und unwichtige Informationen zu unterscheiden. Zudem ist das Projekt ein tolles Beispiel, wie Prominente NGOs unterstützen können. Schade ist, dass die Wirkung der mobilisierenden Emotionen verpufft, wenn es für die Zuschauer kein weiterreichendes Angebot gibt, sich zu engagieren: eine politischen Entscheidungen, die man beeinflussen kann, keine Verhalten, das man ändern soll. Leider bleibt das Projekt so mehr Umweltschutz-Marketing als Kampagne.

Hanno Groth

Hanno Groth

Hanno Groth schreibt für Gradmesser über Kommunikation in der Netzwelt, Geschichten aus der Zukunft und den Wandel in unserer Gesellschaft.
Hanno Groth