Die Geschichte von Leisa

Publiziert am 29. Dezember 2013 von

Es klingt ein bisschen nach Jurassic Park. Allerdings ist Leisa kein furchteinflößendes Monster, vielmehr ist es der Mensch, der sie zu fressen trachtet. Mitte des 20. Jahrhunderts war sie ausgestorben. Jetzt ist sie zurück. Nachdem man Überreste in einem Archiv in Russland fand.

Alb-Leisa

Leisa ist eine Linse. Sie wurde traditionell auf der schwäbischen Alb angebaut – „Leisa“ ist das schwäbische Wort für Linse. In den 1930/40er Jahren erzeugte sie der Pflanzenzüchter Fritz Späth aus verschiedenen Albsorten, die ursprünglich aus Frankreich stammten. Die Jahrtausende alte Nahrungspflanze verschwand vor 60 Jahren von den Feldern und von den Speiseplänen: Zu niedrig der Ertrag, zu hoch der Aufwand. 2001 setzte man sich für die Rückkehr der Alb-Leisa ein, die mittlerweile wieder 70 Biobauern in Baden-Württemberg anbauen.

Hätte es in den 60er Jahren niemanden gegeben, der sich für Artenerhalt engagierte, wäre die Alblinse heute für immer verschwunden: Zusammen mit 3.000 anderen Linsensorten lagerten wenige Samen in der Wawilow-Saatgutbank in St. Petersburg. Dort wurde sie 2006 wiederentdeckt. Aus den erhaltenen Samen zogen Biobauern in zwei Jahren Saatgut, das heute auf zirka 220 Hektar ausgesät wird.

Die Rückkehr der Linse ist engagierten Menschen zu verdanken:

  • dem russischen Botaniker Nikolai Iwanowitsch Wawilow, der in seinem Institut in St. Petersburg die weltweit größte Sammlung genetischer Ressourcen von Kulturpflanzen anlegte (die seit 2010 wegen Neubauprojekten bedroht ist),
  • den Initiatoren und Biobauern, die die Linse trotz geringerer Erträge anbauen,
  • den Restaurants und Läden, die Leisa verkaufen,
  • den Verbrauchern, den die Vielfalt von Lebensmitteln Geld wert ist,
  • Verbänden wie Bioland oder Slow Food, die Bauer und Verbraucher für artenreiche Ernährung sensibilisieren,
  • (den Bloggern, die ihre Geschichte erzählen).

Die Alb-Leisa ist eine Erfolgsgeschichte im Erhalt bedrohter Sorten. Nicht alle teilen dieses Glück. Von den 3.000 Linsenarten in Wawilow’s Archiv können wir vielleicht fünf bis zehn Sorten zum Verzehr kaufen. Fast alle anderen Lebensmittel sind heute ebenfalls auf wenige ertragsreiche Sorten reduziert – 6.000 Apfelsorten gab es einmal in Deutschland.

Mit dem Saatgut verschwinden der Geschmack, die Gesundheits- und Anbaueigenschaften Jahrtausende alter Sorten für immer: Die Alblinse ist ein wichtiger Eiweißlieferant und bietet – als „Zwischenfrucht“ zwischen anderen Getreidesorten – Wachteln und Lerchen besonders gute Lebensbedingungen.

Der Erhalt durch den Anbau traditioneller Nahrungspflanzen, vor allem durch die Biolandwirtschaft, ist kein Marketing-Gag, sondern sollte ein grundsätzliches Anliegen von Agrarpolitik sein. Der Verlust genetischer Vielfalt macht die Landwirtschaft anfällig gegenüber unerwarteten Einflüssen – in der Geschichte der Kartoffel finden sich dramatische Beispiele – und abhängig von giftigen Pestiziden oder begrenzten Ressourcen wie Phosphat. Nur Mischkulturen erhalten die natürliche Fruchtbarkeit von Böden dauerhaft. Eine genetische Vielfalt von Nahrungspflanzen behütet zudem einen unbekannten Schatz: Eigenschaften, die Lösungen für aktuelle und zukünftige Gesundheits- und Anbauprobleme liefern können. Diesen sollten wir bewahren.

Leisa im Internet: www.alb-leisa.de

Hanno Groth

Hanno Groth

Hanno Groth schreibt für Gradmesser über Kommunikation in der Netzwelt, Geschichten aus der Zukunft und den Wandel in unserer Gesellschaft.
Hanno Groth