Achtung Öl!

Würden wir riskanten Umweltunternehmungen wie Ölbohrungen in der Arktis ähnlich gleichgültig gegenüberstehen, würden sie vor unserer eigenen Haustür passieren und bedrohen, was uns lieb ist? „Wäre hier Öl, Shell würde bohren“ steht auf gelben Holzschildern in Form eines Pfeils, die Greenpeace in ganz Deutschland aufgestellt und fotografiert hat. Sie sollen uns näher bringen, was zurzeit die Arktis bedroht.

Das Eis in der Arktis schmilzt. Der Klimawandel ermöglicht Ölbohrungen an Orten, die man bisher nicht erreicht hat. Laut Schätzungen reichen die Vorkommen der Arktis, um die Welt zwei weitere Jahre mit Öl zu versorgen. Die schwindenden Eisflächen erzeugen eine „Goldgräberstimmung“ bei Unternehmen wie Shell oder Gazprom, die sich für Ölbohrungen in der Arktis rüsten. Russland hat vorsorglich schon mal seine Flagge unter der Arktis aufgestellt. Der Wettlauf um profitable Rohstoffe bedroht ein schützenswertes Ökosystem.

Die Schilder spielen darauf an, wie gefährlich Ölbohrungen in der Arktis sind. Greenpeace hat die Schilder in ganz Deutschland aufgestellt. Menschen können sich aber auch beteiligen und selbst ein Schild aufstellen und an Orten fotografieren, an denen eine Ölbohrung völlig verrückt wäre. Unterstützer können ein bearbeitbares Muster sowie ein Toolkit herunterladen, um ihre eigenen Warnschilder zu entwerfen. Die Fotos können dann auf die Kampagnen-Plattform „Green Action“ hochgeladen werden.

Vom Konzept zur Kampagne

Die Idee mit den Warnschildern entstand im Zuge einer Kooperation von Greenpeace Deutschland mit der ecosign Akademie für Gestaltung in Köln. Nicolai-Emanuell Stumpp, Teilnehmer eines Seminars zur Arktis-Kampagne von Greenpeace, entwickelte die Idee.

Nicolai-Emanuell ist in der Bodensee-Region geboren. Bei der Ideenfindung erinnerte er sich daran, wie sich Bürger in seiner Heimat gemeinsam gegen die Fracking-Pläne eines Konzerns wehrten: „Ich denke, die meisten Leute verstehen ein Problem, wenn es vor ihrer Haustür stattfindet. Aber wie jeder andere Lebensraum, muss auch die Arktis geschützt werden“. Er freut sich, dass seine Idee jetzt die Kampagne zum Schutz der Arktis unterstützt. Damit, dass ein Satz solche Auswirkungen haben könnte, hatte er nicht gerechnet. Er glaubt: „Ohne all die ehrenamtlichen Greenpeace-Aktivisten wäre eine solche Kampagne niemals machbar gewesen.“

Das Greenpeace-Lager in Hamburg hat die Schilder gemeinsam mit ehrenamtlichen Aktivisten in den verschiedensten Größen hergestellt. Benjamin Borgerding, Online-Kampaigner bei Greenpeace Deutschland, glaubt, dass die Idee mit den Warnschildern deshalb so gut funktioniert, weil die Schilder praktisch überall einsetzbar sind.

Die Arktis-Kampagne von Greenpeace sammelt auf www.savethearctic.org Unterschriften, um Druck auf Politiker und Konzerne auszuüben und so die Einrichtung eines Schutzgebiets und ein Verbot von Offshore-Bohrungen in arktischen Gewässern zu bewirken. Mehrere Konzerne, darunter Shell und Gazprom, wollen in der Arktis nach Öl bohren. Aufgrund der extremen Wetterbedingungen wäre ein Ölunfall dort kaum zu beherrschen. Über vier Millionen Menschen unterstützen die Kampagne bereits. „Die Arktis-Kampagne läuft bereits seit eineinhalb Jahren und wird vermutlich noch eine ganze Weile weiter laufen. Wir hoffen, mit diesen Aktionen noch mehr Bewusstsein für das Thema zu schaffen“, sagt Benjamin.

Cross-mediale Verbreitung

Die Warnschilder-Initiative funktioniert auf verschiedensten Medienkanälen. Am 23. August dieses Jahres breiteten Greenpeace-Aktivisten ein riesiges Banner an der Elbphilharmonie in Hamburg. Die Schilder können sowohl für typische Greenpeace-Aktionen verwendet werdet als auch Unterstützer einbeziehen. Zudem verbindet das Konzept Online und Offline – das ist eine große Stärke. Die Geschichte mit dem Banner auf der Elbphilharmonie wurde von den lokalen Medien aufgegriffen, aber auch von Blogs, die sich mit Guerilla-Kommunikation beschäftigten.

Zurzeit befinden sich rund 550 Bilder in der Onlinegalerie auf Green Action. Greenpeace-Gruppen haben die Aktion mit neuen Ideen und eigenen Bildern unterstützt. Im Juli 2013 fand ein Aktionstag statt, an dem Greenpeace-Gruppen aus rund 50 Städten sich beteiligt haben.

„In der Idee steckt ein großes Potenzial für virale Verbreitung. Menschen haben ständig neue Ideen und möchten diese mit Freunden teilen,“ glaubt Benjamin. Die mediale Berichterstattung über die Warnschilder hat dazu beigetragen, mehr Bewusstsein für die Arktis zu schaffen. Zur Initiierung wurde das Projekt von der Fotografin Maria Feck begleitet. Sie ging mit einer kleinen Gruppe auf Tour und fand eine Vielzahl interessanter Orte für die Fotos. Über Deutschlands Grenzen hinaus hat auch Greenpeace in den Niederlanden die Idee aufgegriffen. Greenpeace Österreich hat den Text leicht geändert – in „Wäre hier Öl, Gazprom und Shell würden bohren“.

Unternehmen profitieren von der Entfernung zu den Verbrauchern: Risiken, die geographisch oder zeitlich entfernt liegen, werden als weniger dringend empfunden. Die Arktis ist weit weg, was die Unternehmen dort treiben, sehen wir nicht. Die Schilder „Wäre hier Öl…“ vermitteln uns aber das Bedürfnis, mehr über ihr Treiben wissen zu wollen und machen ihre gefährlichen Pläne sichtbarer.

Ein ausführlicher Text und die Interview-Auszüge können unter www.mobilisationlab.org vollständig nachgelesen werden.

 

Annika Rieger

Annika Rieger ist Volontärin in der Onlineredaktion von utopia.de, ehemalige Greenpeace-Praktikantin und beschäftigt sich besonders mit Themen rund um Konsum und seine Auswirkungen.

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