Die Welt wie sie morgen war

Publiziert am 31. Oktober 2013 von

An vielen Dingen halten wir fest, weil wir uns eine Welt ohne sie nicht vorstellen können. Ein irrationales Verhalten, das es schwierig macht, langfristige Weichen für Gesellschaften und das Zusammenleben auf unseren Planeten zu stellen. Geschichten helfen Trägheitsreflexe und Barrieren unserer Vorstellungskraft zu überwinden. Energiewende, Klimakrise, Ernährungssicherheit sind lösbare Aufgaben! Das ist die Botschaft von dem Buch The World We Made von Jonathon Porritt, das aus dem Jahr 2050 zurückblickt.

Sahara Forest Project, Qatar | © Sahara Forest Project Foundation (in The World We Made von Jonathan Porritt)

Sahara Forest Project, Qatar | © Sahara Forest Project Foundation (in The World We Made von Jonathan Porritt)

Das Forscherteam um die Phantasiefigur Alex McKay hat allerlei miterlebt. In den letzten Jahrzenten vor 2050 hat sich einiges auf unserem Planeten verändert. Demgegenüber geradezu naiv waren die Vorstellungen von Alex und vielen anderen Menschen noch zu Beginn des Jahrtausends.

Alles was seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs 1945 Sinn im Leben der Menschen machte, ist von ihnen zum Erliegen gebracht worden. Wirtschaftswachstum, Globalisierung, Konsumkultur, Profitmaximieren

In dem Bericht zu “Solar Revolutionen” erzählt Alex, wie Solarenergie zum Motor der Energiewende wurde. Entscheidend war der Moment der „Grid-Parität“ – der Punkt an dem Solarstrom günstiger wurde als konventionell erzeugter Strom. Zwischen 2012 und 2018 hatten die Länder diesen Punkt erreicht. Den Funke ausgelöst hat die Energiewende und Entscheidung in Deutschland 2011, aus der Atomkraft auszusteigen. Neue Technologien – unter anderem vom Frauenhofer Institut entwickelt – brachten den Durchbruch.

Tanker mit Sky Sail, Solarpanels und Air Cavity System | © Solar Sailor, Australia (in The World We Made von Jonathan Porritt)

Tanker mit Sky Sail, Solarpanels und Air Cavity System | © Solar Sailor, Australia (in The World We Made von Jonathan Porritt)

Die German Energiewende ist eine schöne Geschichte, die heute schon in zahlreichen englischen Blogs wie Inhabitat oder Fastcoexist erzählt wird. Sie handelt von innovativen Technologien, Zukunftsmärkten, vom Sieg autonomer Bürger gegen profitgierigen Konzerne und von Stromrebellen. Diese Geschichte steht in Konkurrenz zu einer anderen: Von der Renaissance der Atomkraft, der Luxusware Strom, drohenden Blackouts und Arbeitsplatzverlusten. Welche Geschichte wir schreiben, entscheiden wir. Jonathon Porritt zeigt eine Zukunft, die als Geschichte greifbarer wird als in politischen Debatten oder Strompreisprognosen.

Das Projekt hat ein einfaches Ziel: Die Geschichte erzählen, wie wir unsere Welt vom Rande des Kollaps dorthin brachten, wo wir heute im Jahr 2050 stehen.

Zukunftsgeschichten als Erzählform für Szenarien einzusetzen, ist nicht neu. In der Transition Town-Bewegung gehören sie fest zum Kampagnen-Repertoire der Städteentwicklung. Und schon viel früher haben sich Sience Fiction-Autoren wie Jule Verne intensiv mit Technikfolgen und -visionen auseinander gesetzt.

The World We Made: Alex McKay’s Story from 2050 von Jonathan Porritt, € 35, Phaidon 2013, www.phaidon.com

The World We Made von Alex McKay’s Story from 2050 von Jonathan Porritt, € 35, Phaidon 2013, www.phaidon.com

The World We Made ist vor allem Sience mit ein bisschen Fiction: Jonathon Porritt gibt mit Alex McKay zwar einen narrativen Rahmen vor, er bleibt allerdings vor allem erzählender Wissenschaftler – als Protagonisten mit Alltagsproblemen empfindet man ihn nicht. Mit einem Umfang von 49 Kapiteln wirkt das Buch dann auch ein wenig wie eine Checkliste globaler Herausforderungen. Querlesen ist also kein Problem. Großartig gelungen sind die 50 Zeichnungen und 135 Fotomontagen in dem Buch. Sie illustrieren die Vision und regen zum Denken an – mir ging es so. Der Glossar Connections & Inspirations am Ende gibt konkrete Anregungen auf die Frage Wie weiter? und ist damit fast der wichtigste Abschnitt im Buch.

Das Buch ist im Oktober 2013 in dem englischen Verlag Phaidon erschienen. Der Autor Jonathon Porritt ist Gründer vom Forum for the Future (Blog des Autors). Das Forum hat sich zur Aufgabe gesetzt, mehr über die Zukunft, wie wir sie wollen und den Weg dorthin zu reden – statt nur Prognosen zu erstellen.

The World We Made ist ein wichtiges Buch, das man lesen sollte, wenn man über die Zukunft mit entscheiden will. Initiativen und Wissenschaft erinnert es daran, was sie in ihrer Kommunikation häufig vergessen: Die Geschichte einer Vision. Mehr davon bitte! Gerne mit mehr Mut zur Fiktion.

Hanno Groth

Hanno Groth

Hanno Groth schreibt für Gradmesser über Kommunikation in der Netzwelt, Geschichten aus der Zukunft und den Wandel in unserer Gesellschaft.
Hanno Groth