Stürmische Zeiten für Klimaskeptiker

Publiziert am 9. September 2013 von

Im Jahr 1998 hat sich etwas in deutschen Vorhersagen für Wetter in Europa geändert. 44 Jahre trugen Hochdruckgebiete männliche Namen und Tiefdruckgebiete weibliche, vergeben durch das Institut für Meteorologie der Freien Universität Berlin. Erst nach Protest änderten die Meteorologen das Verfahren für die Namensvergabe. Frauen wurden fortan nicht mehr alleinig für schlechtes Wetter verantwortlich gemacht. Das Geschlecht der Gebiete wechselt nun im Jahresrhythmus: In geraden Jahren sind Tiefs weiblich und Hochs männlich, in ungeraden umgekehrt.

Hurrikan Marc Rubio (Ausschnitt aus dem Spot)

Hurrikan Marc Rubio (Ausschnitt aus dem Webspot der Organisation 350)

Damit nicht genug: Vier Jahre später wurde die Aktion Wetterpate ins Leben gerufenen. Seither kann jeder eine Namenspatenschaft für ein Hoch- oder Tiefdruckgebiet beim Institut für Meteorologie ersteigern und damit einen guten Zweck unterstützen: „Jede Patenschaft leistet einen wichtigen Beitrag zur Fortführung der vollständigen Klimabeobachtung, sowie der Studentischen Wetterbeobachtung am Institut für Meteorologie der FU Berlin.“ Am 25. November 2002 wurde ein Hoch auf Wunsch des ersten Wetterpaten Werner genannt.

Werner wurde allerdings nur in den deutschen Medien als Wetterphänomen bekannt. Nur deutsche Medien nutzen dieses Namensgebungsverfahren. In anderen Ländern gibt es ähnliche Methoden. In den USA werden tropische Wirbelstürme von der World Meteorological Organization (WMO) benannt. Warum aber die Stürme nach Sandy, Katrina und Andrew benennen? Diese Menschen tragen keine Schuld an der Verwüstung der Stürme.

Das dachte sich auch die Organisation 350 und macht jetzt einen alternativen Vorschlag: Stürme sollen die Namen von Klimaskeptikern tragen. Klimaskeptiker lobbyieren – nicht selten durch Unternehmen finanziert, die von laxen Umweltauflagen profitieren – gegen den breiten wissenschaftlichen Konsens in der Klimaforschung: Das Klima wird vom Menschen drastisch verändert. Zwischen 1993-2003 untersuchte die University of California 928 Journalartikel zum Thema Klimawandel. Keiner bezweifelt den anthropogenen – vom Menschen gemachten – Klimawandel.*

Kaum eine Wissenschaft baut auf einem eindeutigeren Konsens. Klimaskeptiker versuchen die gesellschaftliche Diskussion in eine andere Richtung zu lenken. Sie nutzen die Komplexität der Klimawissenschaften, offene Forschungsfragen oder kleinere Fehler, um zwischen Wissenschaft und Gesellschaft einen Keil zu treiben und die Forschung in ihrer Gesamtheit zu diskreditieren oder gleich als Verschwörung gegen eine freie Gesellschaft bloßzustellen. Einer dieser Klimakrieger ist der PR-Manager Marc Morano. Er verfügt über weit mehr PR-Kenntnisse als ein durchschnittlicher Wissenschaftler und ihm sind fast alle Mittel recht, um die Klimawissenschaft in den Medien unglaubwürdig zu machen. Mit erstaunlichem Erfolg.

Vom Menschen gewandelt? Klima in den US-Medien

Wird der Vorschlag von 350 umgesetzt, könnte es in den US-Medien heißen: „Michelle Bachman“ verwüstet die Küste Floridas, „Rick Perry“ ist für den Tod tausender, gestrandeter Tiere verantwortlich oder „Marc Morano“ ist einer der teuersten Umweltkatastrophen der US-Geschichte.

Umgesetzt hat den Film die Agentur Barton F. Graf 9000. In der ersten Woche wurde der Spot bereits über zwei Millionen mal bei YouTube angeschaut. Das ist selbst für virale YouTube-Spots viel. Die bis November gesuchten 75.000 Unterschriften wurden bereits erreicht. Wer noch für die Initiative unterzeichnen will, kann hier der WMO schreiben: www.climatenamechange.org

Wissenschaftler können ihre Skeptiker nur stoppen, wenn sie eine aktive, kommunikative Rolle in der Gesellschaft übernehmen – außerhalb ihrer Konferenzen und Publikationen, in einer verständlichen Sprache, in Zeitungen und auf Twitter. Das widerspricht leider häufig den Erwartungen von Instituten, Lehre und Wissenschaftlern an sich selbst. Es muss aber nicht so bleiben.

* Oreskes, N. “BEYOND THE IVORY TOWER: The Scientific Consensus on Climate Change”, Science 306(5702), 2004.

Hanno Groth

Hanno Groth

Hanno Groth schreibt für Gradmesser über Kommunikation in der Netzwelt, Geschichten aus der Zukunft und den Wandel in unserer Gesellschaft.
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