Von einer paradiesischen Insel aus die Welt retten

Publiziert am 13. Mai 2013 von

Rien Achterberg steht auf der Bühne und erzählt einfach mal drauf los. Dass er in den Niederladen geboren wurde, mit 22 Jahren nach Neuseeland auswanderte, dort mit der Antiatombewegung in Kontakt kam. Dass er davor fünf Jahre lang eine Lehre zum Koch machte, um hinterher „zu wissen, wie man Kartoffeln brät“. Koch zu sein war nie sein Traum, dafür aber hat er seinen Traum anders verwirklicht: Er gehörte zur Greenpeace-Crew auf dem Schiff Rainbow Warrior. Als Koch, aber vor allem als Aktivist.

Greenpeace-Aktivist Rien Achterberg

Greenpeace-Aktivist Rien Achterberg

Rien Achterberg ist 63 Jahre alt und nicht mehr auf Schiffen unterwegs. Dafür aber in Europa. Er besuchte 2012 lokale Greenpeace-Gruppen, um Erfahrungen mit ihnen zu teilen und sie zu unterstützen. Im Dezember war er in Marburg, um den Film Rainbow Warriors of Waiheke Island zu zeigen – ein Dokumentarfilm über das erste Greenpeace-Schiff.

Obwohl Greenpeace seit den 70er Jahren gewachsen ist, möchte er Leute motivieren, aktiv zu werden: „Wir sind groß, aber wir sind noch immer eine Minderheit. Selbst in Deutschland, wo es eine grüne Party gibt“. Er hat keine vorbereiteten Zettel, sondern redet aus dem Bauch heraus. Er hat Spaß zu reden und muss sich selbst zügeln, nicht „ewig weiter zu reden“.

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Als der Film los geht, setzt sich Rien nach hinten: „Ich habe den Film schon 200 Mal gesehen, nicht dass ich vorne einschlafe. Ich schnarche nämlich“. Alle sechs im Film portraitierten Aktivistinnen und Aktivisten wohnen auf Waiheke Island in Neuseeland. Rien war der erste Auswanderer. Er emigriert aus den Niederlanden, um dem Militärdienst zu entkommen: „Ich mag keine Gewalt, keinen Wettbewerb. Ich war schon immer ein Hippie. Ich wollte auf keinen Fall zum Militär“.

Mit seiner ersten Frau zog er ins warme Klima, wo sie von Null starteten und die kleine Insel mit 2000 Einwohnern lieben lernten. Mit seinen langen grauen Haaren sieht Rien tatsächlich aus wie ein alt gewordener Hippie. Er ist groß und schmal, sein markantes Gesicht strahlt Gutmütigkeit aus. Er trägt einen Regenbogengürtel in der Jeans, ein weißes Hemd und eine braune Weste.

Greenpeace-Aktivist Rien Achterberg in Marburg

Rien hat keine vorbereiteten Zettel für seine Ansprache, sondern redet aus dem Bauch heraus. Er hat Spaß zu reden und muss sich selbst zügeln, nicht „ewig weiter zu reden“.

So sehr er mit der Arbeit bei Greenpeace seinen Traum verwirklicht hat, es gab auch harte Zeiten. Das einschneidenstes Erlebnis war die Bombardierung der Rainbow Warrior im Jahr 1985. Damals war das Schiff auf dem Weg zum Mururoa-Atoll, um gegen die oberirdischen Atomtests der Franzosen zu protestieren. Im Hafen von Auckland brachte der französische Geheimdienst Bomben am Schiff an. Beim Sinken des Schiffes starb der Greenpeace-Fotograf Fernando. Rien ist bis heute fassungslos : „Wir waren traumatisiert. Wie konnte ein Geheimdienst ein Friedensschiff bombardieren?!. Das Ereignis war schlimm. Es hat mich in meiner Einstellung bestärkt.“ Durch die Tragödie erhielt Greenpeace enorme Unterstützung. Durch Spenden wurde der Grundstein gelegt, zu einer internationalen Organisation zu wachsen.

Seinen Enthusiasmus und seine lebensbejahende Einstellung hat Rien noch heute. Gerne stellt er sich als Seemann dar, reist umher und genießt sein Leben in vollen Zügen gemäß dem Motto „Sex, Drugs and Rock’n’Roll“. Drei Mal war er verheiratet. Zwei Kinder hat er von zwei Frauen. Seine Tochter ist inzwischen 25 und sein Sohn 35 Jahre alt. Er gibt zu: „Meine Tochter hält es mir manchmal vor, dass ich nicht für sie da war. Ich war ja sehr viel Zeit auf dem Boot. Aber meine Tochter versteht mich zum Glück auch. Sie unterstützt Greenpeace.“ Zu seinen Kindern hat er regen Kontakt. Aber auch zu den Müttern, die auch auf Neuseeland leben. Mindestens ein Mal im Jahr treffen sie sich.

Der Film ist zu Ende und Rien beantwortet Fragen, bei denen er immer wieder ausschweift. Danach signiert er DVDs und schreibt etwas Persönliches dazu. Er möchte Kontakte knüpfen. Er liebt Menschen. Bevor sie gehen, umarmt er sie.

Greenpeace-Aktivist Rien Achterberg in Marburg

Rien signiert nach dem Film DVDs und schreibt etwas Persönliches.

Ihm ist es wichtig, Gruppen zu besuchen: „Ich bin kein Held. Ich war damals zur richtigen Zeit am richtigen Ort. So konnte ich Dinge machen, die mir wichtig waren.“ Wichtig ist ihm immer noch die Zukunft des Planeten. Er wird nicht Müde zu betonen, dass ihn die Zustände in der Welt besorgen. Etwas gegen den Klimawandel zu unternehmen, erscheint ihm dringlicher denn je. Gleichzeitig hat er Hoffnung. Er ist ein positiver Mensch: „Man muss nicht auf einem Schiff sein, um die Welt zu verändern. Heutzutage kann man auch von zu Hause aus etwas tun. Petitionen unterschreiben, in lokalen Gruppen mitmachen. Nicht nur bei Greenpeace. Es gibt viele Gruppen, die wichtige Dinge tun.“

Rien braucht nicht viel zum Leben. In Waiheke lebt er davon, dass er selbstgemachte Marmeladen, Chutneys und eingelegte Oliven verkauft. Für seine Reisen bekommt er Unterstützung von Greenpeace. „Langsam wird es körperlich etwas anstrengend. Ich freue mich schon darauf, Weihnachten am Strand zu verbringen.“ Waiheke Island ist eine Art Residenz für Rentner der ersten Greenpeace-Generation geworden. „Das ist meine Schuld, sagen die anderen. Ich bin als erster dahin gezogen“, Rien freut sich. Wer würde nicht gerne auf einer paradiesischen Insel leben und sich auch noch auf die Fahnen schreiben, mitgeholfen zu haben, die Atomtests zu stoppen?

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