Das Internet lernt Geschichten zu erzählen

Publiziert am 29. April 2013 von

Die Medienlandschaft kriselt, nicht nur in Deutschland. Trotz sinkender Auflagen, haben viele Verlagshäuser sich Zeit gelassen, das Internet als konkurrierende Informationsquelle ernst zu nehmen. Der Spagat zwischen kostenpflichtigen Druckausgaben und kostenfreien, häufig obergründigeren Onlinejournal ist nicht immer aufgegangen. Wie Journalismus im Internetzeitalter aussehen kann, zeigt die Onlinereportage Snow Fall. Das Pilotprojekt der New York Times gibt Einblick, in das digitale Geschichtenerzählen. Ein gutes Beispiel, nicht nur für Zeitungen.

Snow Fall – The Avalanche at Tunnel Creek

Die multimedialen Webreportage Snow Fall – The Avalanche at Tunnel Creek gewinnt den Pulitzer Preis 2013 in der Kategorie Feature Writing. Foto: www.nytimes.com/projects/2012/snow-fall

John Branch gewinnt mit seiner multimedialen Reportage Snow Fall – The Avalanche at Tunnel Creek den Pulitzer Preis 2013 in der Kategorie Feature Writing. Der Hintergrund seiner Geschichte: Im Februar 2012 brachen 16 Extremskier zu einer Abfahrt nach Tunnel Creek im Bundesstaat Washington (USA) auf. Vier Sportler kamen in einer Lawine ums Leben. Das Digital Storytelling verleiht den sechs Kapiteln der Geschichte Nähe und Empathie. Text, Video, Bild und Ton verschmelzen, der Mix macht die Reportage lebendig.

Die beeindruckende Geschichte entsteht durch multimediale Inhalte, ein aufgeräumtes Design und moderne Webdesign-Techniken: Der Parallax Effekt bewegt verschiedene Bildebenen beim Scrollen in unterschiedlicher Geschwindigkeit – das erzeugt Tiefe. Videos starten automatisch, Videoloops ersetzen Fotos. Das Auge springt zwischen Bild und Text. Die Geschwindigkeit der Geschichte bestimmt der Leser. Webtechniken wie der Parallax Effekt werden mittlerweile auf viele Seiten verwendet. In Verbindung mit einer Geschichte können sie Inhalte zum Leben erwecken. Sie ermöglichen eine Reise durch die Geschichte von Paris und vieles mehr.

Too Young to Wed

Die Menschenrechtskampagne Too Young to Wed nutzt bewegende Bilder und prangert den Missstand als Kind zwangsverheirateter Mädchen an. Foto: www.tooyoungtowed.org

Auch im nicht-kommerziellen Sektor wird der Parallax Effekt für das Storytelling verwendet:

Auch deutsche Medienhäuser arbeiten an digitalen Geschichten: 2012 erhielt die Reportage Nicht von Gott gewollt der Spiegel Online-Redakteure Amrai Coen und Bernhard Riedmann den deutschen Reporterpreis für die beste Web-Reportage. Sie erzählt die Geschichte der ersten lesbischen Fußballmannschaft Afrikas. Die Spielerinnen sind, aufgrund ihrer sexuellen Orientierung, extremer Gewalt ausgesetzt. Viele Spielerinnen wurden vergewaltig, eine wird ermordet.

Reportagen werden visuell, episodisch und interaktiv. Die digitalen Geschichten teilen mindestens die folgenden Gemeinsamkeiten: Sie verbreiteten sich viral im Netz und räumen Preise ab. Das außergewöhnliche Format verschafft den Themen eine besondere Öffentlichkeit. Trotzallem wagen bisher wenige Verlage derartige Experimente: Zwei der vorgestellten Projekte sind von NGOs, zwei sind im privatem Umfeld entstanden; nur die New York Times und anschließend der Spiegel haben Ressourcen für innovative Webreportagen bereit gestellt. Der Aufwand scheint den Verlagen (noch) zu groß.

Update: Zur Zukunft von Print- und Onlineformaten in Zeitungsverlagen haben Jochen Wegner von der Zeit, Stefan Plöchinger der Süddeutschen und Katharina Borchert vom Spiegel bei der Re:publia in Berlin diskutiert. Die Debatte kann hier nachgehört werden.

Digitale Geschichten sind erste Gehversuche in eine neue Medienlandschaft – vielleicht sind sie auch Anzeichen für eine Entschleunigung der Nachrichtenwelt? Dass sich Qualität gegenüber dem Schnelligkeit durchsetzen, ist zu hoffen. Die Welt ist komplex, unsere Krisen sind global. Gerade weil interaktive Webprojekte nicht tagesaktuell sein können, eignen sie sich für komplexe Themen und Kampagnen.

Hanno Groth

Hanno Groth

Hanno Groth schreibt für Gradmesser über Kommunikation in der Netzwelt, Geschichten aus der Zukunft und den Wandel in unserer Gesellschaft.
Hanno Groth