Der ökologische Fußabdruck und E10

Publiziert am 1. September 2012 von

Jedes Jahr geht ein Event reibungsfrei an aktuellen Medien-Themen vorbei: Der Tag der ökologischen Überschuldung. Am 22. August haben wir Menschen die ökologischen Ressourcen verbraucht, die die Natur in diesem Jahr produzieren kann. Gleichzeitig wird öffentlich über E 10 gestritten, weil das – sogar von Autofahrern verschmähte – Manöver der Autolobby nun sogar den Initiatoren zu viel ist. Wagen wir eine Annäherung beider Themen.

Der ökologische Fußabdruck

Der ökologische Fußabdruck stellt unseren ökologischen Verbrauch als Fläche dar. Bild: Maria Pinke

Was ist der ökologische Fußabdruck? Zum einen misst das Bilanzierungstool die Fläche, die es braucht, Konsumgüter für eine Person oder Nation aus natürlichen Ressourcen herzustellen. Der Clou: Auch Abfälle und Emissionen brauchen eine Fläche (in der Größe sie zu kompensieren, z.B. Wald für CO2). Das Konzept stellt damit die wichtige Prämisse auf, dass Fläche unabhängig von Ländergrenzen ein begrenztes, also schützenswertes Gut ist. Unsere Entscheidungen werden anders bewertet: Dem CO2-Fußabdruck ist es egal, ob eine Solaranlage auf einem Haus oder dem Acker daneben steht – dem ökologischen Fußabdruck nicht. Er honoriert effiziente Flächennutzung: Von Tiefgaragen in Städten bis Zwischenfruchtanbau auf dem Land.

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Das Konzept unterscheidet zudem die biologischen Wertigkeit einer Fläche: Eine Solaranlage verbraucht in der Wüste keine (ökologische) Fläche, auf Ackerland ist der Fußabdruck hingegen größer als ihre geographischer Flächenverbrauch. Damit warnt das Konzept Entscheidungsträger Energiewende und Ernährungssicherheit gegeneinander auszuspielen – Energieerzeugung gehört nicht auf den Acker! Die folgenden Fragen stellt der ökologische Fußabdruck zu E10:

  • Gibt es andere Mobilitätsformen, die einen geringeren Fußabdruck haben als Autos?
  • Wurde alles technisch Mögliche getan, den Spritverbrauch von Fahrzeugen zu senken?
  • Wie lassen sich Flächen als CO2-Senken optimieren?
  • Welche Pflanzen kompensieren – über ihren Lebenszyklus – am meisten CO2?

Es braucht wenig Phantasie, festzustellen, dass Agrartreibstoffe nur in einem sehr eingeschränkten Blickfeld als prioritäre Klimaschutzmaßnahme erscheinen. Die Effizienz von Pflanzen Solarenergie zu speichern liegt weit unter 5% (das toppen die ältesten Solaranlagen). Das Abrüsten von Fahrzeugen, die Förderung von öffentlichen Verkehrsmitteln, das Importverbot von Rohstoffen aus Urwaldabholzung, die Förderung erneuerbarer Energien oder die Bewaldung von Freiflächen bringt dem Klima mehr und kostet weniger als E10.

Falsche Biomassenpolitik heizt den Klimawandel an, statt den Ausstoß von Treibhausgasen zu senken. Bereits kleine Beimengen an Rohstoffen aus Urwaldzerstörung können den ökologischen Fußabdruck von Treibstoffen vervielfachen.

Dem ökologischen Fußabdruck ist die Standortfrage in der Konkurrenzdiskussion Hunger  vs. Klimaschutz formal egal. Zwar mag es stimmen, dass der Anbau von Lebensmitteln in Europa nicht durch einen geringen Anbau von Agrartreibstoffen gefährdet wird. Jedoch gibt es neben Lebensmitteln und Energiepflanzen weitere Umweltleistungen (ecosystem services), die wir mit unseren gesellschaftlichen Zielen und Wertvorstellungen in Einklang bringen müssen. Bei der Diskussion sollte man wissen: Für einige Umweltgüter gibt es keine funktionierenden Märkte. Kostenfrei nutzen wir die CO2-Senken anderer Länder, weil sich Treibhausgase nicht an geographische Grenzregelungen halten.

Trittbrettfahrertum widerspricht fundamental unserem Gerechtigkeitssinn für Nutzung zu zahlen. Warum nutzen wir unsere Äcker nicht, um effizient unsere ökologischen Schulden zu begrenzen? Statt sie großzügig dem Greenwashing der Autolobby freizuräumen. Der ökologische Fußabdruck eines Deutschen beträgt knapp das dreifache der weltweit nachhaltig verfügbaren Fläche pro Person. E10 fahren wir auf Kosten unserer Zukunft.

Hanno Groth

Hanno Groth

Hanno Groth schreibt für Gradmesser über Kommunikation in der Netzwelt, Geschichten aus der Zukunft und den Wandel in unserer Gesellschaft.
Hanno Groth

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