Social Media-Aktivitäten von Ehrenamtlichen

Publiziert am 10. August 2012 von

Goethe war der Meinung, dass wir Menschen schlechter machen, wenn wir sie so behandeln wie sie sind. Viele Organisationen bauen ihre Erfolge auf die Unterstützung freiwilliger Helfer, die mit Begeisterung und Herzblut für die gute Sache kämpfen und die Seele einer Organisation bereichern. Das Internet evolutioniert das gesellschaftliche Engagement von Organisationen: Sind ehrenamtliche Ortsgruppen dadurch überflüssig geworden?

Greenpeace Ehrenamtliche im Reichstag

Greenpeace Ehrenamtliche machen auf ihrer Tour zur Klimakonferenz in Kopenhagen 2009 im Reichstag Station. Foto: Greenpeace Urwaldpostamt.

Mit ihrer kommunikativen Leistung bauen Ehrenamtliche auch in Zeiten des Internets unverzichtbare Brücken. Kommunikationsmethoden und -mittel verändern sich, die Rolle von Ehrenamtlichen verliert dabei nicht an Bedeutung:

  • Ehrenamtliche Ortsgruppen bringen globale und nationale Themen in einen regionalen Bezug: Im Februar 2011 starteten wir die Gruppen-Kampagne Energiewende in Marburg. Die Katastrophe von Fukushima und den 25. Jahrestag von Tschernobyl verknüpften wir mit Forderungen nach einer regionalen Energiewende. Nach einer kontroversen Debatte beschloss die neue Rathauskoalition (SPD und Grüne) den Bau von 12 Windkraftanlagen.
  • Ehrenamtliche sind lokal online und offline vernetzt, kennen Zielgruppen und das Wirkungsumfeld: Engagierte Menschen können private und berufliche Netzwerke für Kampagnen und die Lösung von Problemen mobilisieren. Ehrenamtliche nutzen Facebook und andere Netzwerke, wissen welche Veranstaltungen in der Region wichtig sind und wen man für Erfolge überzeugen muss.
  • Ehrenamtliche erzielen ein tieferes Engagement. Ihre Aktionen bleiben nachhaltiger in Erinnerung: Rund ein Drittel der Deutschen gibt an, sich für Engagement im Umweltschutz zu interessieren (davon ist nur jeder Fünfte aktiv). Ortsgruppen sind erste Anlaufstation für Menschen, die etwas ändern wollen. Ehrenamtliche sind die Themen-Experten in der Region und eröffnen in Gesprächen eine Reihe von Möglichkeiten zur Lösung von Probleme beizutragen.
  • Geschichten von Menschen bieten vor Ort Anker für Kampagnen und langfristige Erfolge: Yve, Megan, Achim, Merle, Aileen oder Paula erzählen die Geschichte von Greenpeace im Netz. Wie viele weitere Ehrenamtliche haben sie persönliche Beweggründe, Interessen und Stärken.
  • Menschen überraschen immer wieder durch Kreativität, Engagement und Begeisterung – wenn man ihnen den nötigen Raum und die Motivation mitgibt. Nicht nur Menschen machen das Ehrenamt, oft prägt eine gesellschaftliche Aufgabe Menschen zutiefst. Einer der schönsten Momente ist, wenn Ehrenamtliche ihre Ängste und Befürchtungen überwinden, weil sie ihnen gar nicht mehr so wichtig erscheinen.

Erfolgreiche Kommunikation ist – auch in ehrenamtlichen Ortsgruppen – kein Zufallsprodukt. Sondern Resultat bewusster Entscheidungen von hauptamtlicher Seite und in den Gruppen vor Ort. Die Social Media-Aktivitäten von Greenpeace-Gruppen habe ich bereits vorgestellt: Gruppen nutzen das Netz unterschiedlich, aktivieren aber (prozentual) mehr Nutzer als Greenpeace Deutschland.

[slideshare id=13896541&doc=socialmediaaktivittvonehrenamtlichenambeispielgreenpeace-120807030732-phpapp02]Kein Zufall: Unseren erfolgreichsten Twitter– und Facebook-Meldungen haben wir ausführlich geplant. Wir haben Motive bestimmt (und skizziert), Banner gemalt oder Schilder gedruckt, unsere Fotographen eingeladen und gebrieft. Erfolgreich waren Mitteilungen, die a) eine hohe Aktualität besaßen, b) sympathische Menschen zeigten, c) deren Bildsprache und Botschaft eindeutig war, d) die Teile einer Kampagne (z.B. mit Twitter-Wall) waren und e) Orte abseits des klassischen Infostandes wählten. Professionelle Bilder sind ein (sehr gutes!) Kommunikationsmittel für Gruppen. Zur besseren Kommunikation mit Neuen Medien können Ortsgruppen, Hauptamtliche und Externe beitragen.

Was können Ortsgruppen für bessere Kommunikation tun? Gruppen hilft es neben Aktionszielen (z.B. viele Unterschriften sammeln) allgemeine Ziele zu definieren (Neuenfindung, Gruppenzusammenhalt oder öffentliche Wahrnehmung) und in ihrer langfristigen Planung zu berücksichtigen. Netzkommunikation eignet sich hervorragend für die Orientierung an Vorbildern: Für unsere Seite zur Twitter-Demo hatten wir uns an Greenpeace International orientiert, Ideengeber zur Kampagne In Zukunft klimafreundlich waren die I-Wish-This-Was-Sticker von Civic Center New Orleans.  Ehrenamtliche verleihen Organisationen eine Seele: In Radiosendungen, Zeitungen, Blogs oder bei Facebook können sie Gesicht zeigen. Verhalten sind Gruppen häufig im Ausprobieren eigener Ideen. In der Rolle als Laien trauen sie sich nicht oder haben zu wenig (kreative) Kapazitäten. Wir haben im Netz viel getestet, einiges misslang (z.B. unser Twitter-Adventskalender). Gruppen sollten gute Ideen weitergeben.

Organisationen verbessern die Netzkommunikation von Gruppen, indem sie die Kommunikationsrolle von Gruppen definieren und ihnen im Netz zu einer eigenständigen Identität verhelfen (Was erhalten Facebook-Nutzer bei Greenpeace Marburg, was sie nicht bereits von Greenpeace Deutschland kennen?). Hier kann an den Stärkten der Gruppen angeknüpft werden. Hauptamtliche motivieren mit einer positiven Atmosphäre Menschen ihre Ideen einzubringen. Sie regeln Konflikte, die die Stimmung vergiften. Durch interne Ausschreibungen, Umfragen, Wettbewerbe, u.ä.  lassen sich verborgene Talente entdecken. Kommunikative Fähigkeiten Ehrenamtlicher fördert ein internes Materialangebot (Leitfäden, Checklisten, Vorlagen für Gruppen aufbereiten), Workshops (Weiterbildung zu Kommunikation & Neuen Medien, Austausch Haupt- & Ehrenamtlicher, Best-Practice-Weitergabe, etc.) und die Unterstützung von Leuchtturmprojekten (Themenprojekte, Kampagnen und Großstädte). In der Internationalisierung des Ehrenamts steckt für internationale Organisationen ein großes Potenzial: Organisationen können den Austausch zwischen Ländergruppen initiieren, Ehrenamtliche als Zeugen oder Experten in Projekte einladen und vieles mehr.

Kommunikationserfolge mit Ehrenamtlichen sind in Organisationen selten kurzfristig zu haben. Ausdauer und Lernbereitschaft sollten beide Seiten mitbringen. Der häufige Wunsch nach schnellen Erfolgen und linearen In-Out-Puts wird sich als Illusion entpuppen. Die Zerteilung Haupt- und Ehrenamtlicher  in Experten- bzw. Laiengruppen steht dem neutralen Wettbewerb um die besten Ideen häufig noch im Weg.

Wenn wir Menschen nehmen wie sie sein sollten, war Goethe der Meinung, bringen wir sie dorthin, wohin sie zu bringen sind. Gerade im Zeitalter des Internets sind Ehrenamtliche wichtig! Erfolgreiche Organisationen entwickeln ihre (Netz)Kommunikation gemeinsam mit Ehrenamtlichen.

Was sind deine Erfahrung und Erfolge mit Ehrenamtlichen?

Hanno Groth

Hanno Groth

Hanno Groth schreibt für Gradmesser über Kommunikation in der Netzwelt, Geschichten aus der Zukunft und den Wandel in unserer Gesellschaft.
Hanno Groth

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