Braucht Wissen (noch) Wissenschaft?

Publiziert am 12. Juni 2012 von

Diskussionsbeitrag und Plädoyer für eine Psychoanalyse der Wissenschaft

Während sich das Bezugssystem von Wissen seit Jahrzenten verändert, spürt man in der Wissenschaft kaum Reaktionen. Fleißig wird am Bedürfnis der Gesellschaft vorbei geforscht. Vielen gesellschaftlichen Herausforderungen sind wir – trotz intensiver Forschung – in der Praxis nicht näher gekommen. Brauchen wir die Wissenschaft überhaupt noch? Die Antwort lautet: Jein.

Die Ikonen der Wissenschaft waren Weltensegler. Humboldt, Darwin, Da Vinci waren Entdecker und Meister vieler Fächer, die mit offenen Augen durch die Welt liefen. Mit der Verdisziplinierung haben sich Wissenschaftler aus der Welt zurück gezogen. Langsam öffnen sie ihre Fenster wieder: Deutsche Unis tasten sich ins Internet, der Dialog mit der Gesellschaft wird untersucht, eine verhaltene Debatte um den offenen Zugang zu Wissenschaftswissen entsteht, Netzwerke wie Researchgate und Bloggemeinschaften (www.scienceblogs.de | www.scilogs.de) gründen sich. Ist die Wissenschaft zurück in der Welt?

Zwei Bücher

Zwei Bücher: Bei einem Vortrag am Wuppertal Institut habe ich zwei Bücher verglichen: Das 600-Seiten-Werk Zukunftsfähiges Deutschland verfassten zirka 20 Wissenschaftler. Im Sinne eines Wikis organisiert, ist das Buch World Changing eine Zusammenfassung der besten Beiträge von 297 Autoren, die auf worldchanging.com unter Creative Commons Lizenz veröffentlichten.

Wissenschaft bleibt von der veränderten Wissenswelt weitgehend unberührt. Wir leben nicht mehr im Zeitalter, in dem Wissen einer geistigen Elite vorbehalten ist. Das Bildungsniveau ist allgemein hoch, Informationen stehen in nie dagewesener Vielfalt und Schnelligkeit zur Verfügung und Technik übernimmt wesentliche Bestandteile von Forschung. Wo verortet sich ein Experte in dieser Welt?

Eine Gruppe trifft statistisch bessere Entscheidungen als (begabte) Einzelpersonen, behauptet Sunstein in seinem Buch Infotopia: How Many Minds create Knowlege. Mit der Größe der Personengruppe steigt die Wahrscheinlichkeit ein besseres Ergebnis zu erzielen. Das heißt, dass „Laien“ wichtige Beiträge zur Wissenschaft liefern können, wenn man sie lässt. Ein Vergleich von Wikipedia und Britannica in der Nature zeigte, dass Qualitätsunterschiede nicht sonderlich groß sind. Unter dem Begriff Open Innovation machen kluge Unternehmer aus Mitarbeiterwissen Firmenerfolge. OpenIDEO bringen Unbekannte im Internet zur Lösung gesellschaftlicher Herausforderungen zusammen. Wäre ähnliches nicht auch in der Wissenschaft möglich?

In Zukunft kommt es darauf an, die Intelligenz der Masse zu mobilisieren. Es gibt verschiedene Formen von Wissen, die Erkenntnisse liefern. Um beste Ergebnisse zu liefern, müssen Menschen Anreiz erhalten, sich an Wissenschaft zu beteiligen. Sogar in naturwissenschaftlichen Disziplinen profitiert Wissenschaft von einer Öffnung: Zum Beispiel haben Laien mit einem kostenlosen Programm (spielerisch) bessere Eiweiße als Experten konstruiert. Laien können mit angepassten Informationssystemen Klimabilanzen erstellen und andere Beiträge zur nachhaltigen Entwicklung leisten. Kaum vorstellbar, was noch möglich ist, wenn Menschen systematisch an Wissenschaft beteiligt werden. Die willkürliche Trennung von Experten und Laien verstellt den Weg zu Erkenntnissen.

Die Einordnung von Wissenschaft muss überdacht werden. Debatten werden oft geführt, als müsse sich der Wissenschaftler lediglich besser kommunizieren – also vermarkten. Das ist zu kurz gedacht. Wir müssen die Entstehung von Wissen durch die Beteiligung Vieler optimieren: Eine nachhaltige Wissenschaftskommunikation geht schon heute weit über die „Verpackungsindustrie“ klassischer PR hinaus. Selbstverständnis und Anforderungsprofil des „Kommunikators“ wandeln sich somit in Richtung Moderator und Mediator (Trendstudie Wissenschaftskommunikation).

Die Logik unseres Wissenschaftssystems – sich Hinten anzustellen und zu warten bis man aufgerufen wird – muss gedreht werden. Drängler müssen belohnt werden. Einiges was heute hinter der Etikette wissenschaftlicher Sprache versteckt wird, grenzt an Beleidigung von (meiner) Intelligenz. Nicht wer provokante Thesen formuliert und Meinungen hinterfragt, macht Karriere. Kaum ein System ist noch so stur hierarchisch organisiert wie Wissenschaft. Wir brauchen keine Wissenschaft, die um sich herum wenig wahrnimmt, sich abgrenzt und nicht lernen will zu kommunizieren. Aber ja, wir brauchen eine Wissenschaft, die als Mediator von Wissen versteht Menschen zu beteiligen und mit ihnen Aufgaben für gesellschaftlichen Wandel formuliert.

Hanno Groth

Hanno Groth

Hanno Groth schreibt für Gradmesser über Kommunikation in der Netzwelt, Geschichten aus der Zukunft und den Wandel in unserer Gesellschaft.
Hanno Groth

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