Twitternde Windräder!

Publiziert am 5. Dezember 2011 von

Wie dezentrale Informationssysteme nachhaltige Entwicklung fördern

Die Möglichkeiten, Neue Medien für eine nachhaltige Entwicklung einzusetzen, sind vielfältiger als man denkt. Daten können sinnhaft vernetzt, interpretiert und in Entscheidungssituationen zugänglich gemacht werden. Die Verknüpfung von virtueller und realer Welt findet bereits statt.

Der englische Bäcker Albion zum Beispiel hat in der Backstube einen Knopf installiert. Wenn er ihn drückt, erhalten seine 2.603 Twitter-Follower die Nachricht, dass es jetzt backofenfrische Ware gibt. Obwohl sich der Start meiner Waschmaschine um 3, 6 oder 9 Stunden mit einem Knopfdruck verschieben lässt und es mir egal ist, wann sie läuft, gibt es Ähnliches für Ökostrom nicht. Keine SMS, kein Tweet informiert mich zum Überschuss erneuerbarer Energien im Netz. Intelligente Informationssysteme sind wichtig für die Energiewende, um Bedarf und Versorgung aufeinander abzustimmen. Die Möglichkeiten dafür werden immer vielfältiger.

Daten stehen immer häufiger in Echtzeit zur Verfügung. Das Filtern und Vernetzen vorhandener Datenbanken durch Neue Medien eröffnen neue Möglichkeiten, materielle und informelle Ströme intelligent zu steuern und nachhaltiges Verhalten zu begünstigen. Damit bieten sich preiswerte, zeitnah umsetzbare Alternativen zu komplizierten technischen Systeme und Programme.

Der Castorticker im Wendland berichtet in Echtzeit über die Aktionen zahlreicher Protestgruppen.

Der Castorticker im Wendland berichtet in Echtzeit über die Aktionen zahlreicher Protestgruppen und hilft Personen und Gruppen ihren Widerstand zu koordinieren.

Es gibt zahlreiche Beispiele dafür, welches Potenzial dezentrale Informationssysteme gegenüber aufwendiger Technik haben:

  • Noch nie hat ein Castortransport in das Erkundungsendlager Gorleben so lange gebraucht wie 2011. Noch nie war der Widerstand so gut koordiniert. Auf der Internetseite castorticker.de werden in Echtzeit alle News der Castorgegner zusammengetragen. Die Informationen werden nicht nur getwittert. Im Wendland stehen auch Leinwände, auf denen der Castorticker läuft. Gibt es Gerüchte oder Unklarheiten über eine Situation, ruft das Radio Freies Wendland, das zum Castortransport in Dannenberg aufgebaut wird, betroffene Personen auf, das Radio anzurufen. Live werden Gerüchte ausgeräumt. Dadurch entsteht ein hoch aktuelles und sehr valides Bild über die vielfältigen Aktionen zahlreicher Gruppen an der Castorstrecke.
  • Auf der Internetseite mundraub.org können frei zugängliche Obstbäume (und vieles mehr!) auf einer Karte markiert werden. Menschen können so einen regional-saisonalen Bio-Apfel pflücken, statt Obst aus Südafrika im Supermarkt zu kaufen.
  • Nutzer von Sourcemap können Karten globaler Produktionsketten und Stoffströme erstellen. Die Umweltbilanz wird gleich mitgeliefert. Die interaktiven Karten lassen sich in Webseiten einbetten. Programme wie GEMIS sind zwar deutlich umfassender an Daten und besitzen eine höhere wissenschaftliche Aussagekraft, sie werden es aber langfristig schwer haben, mit dynamischen und einfach zu bedienenden Projekten wie Sourcemap um Nutzer zu konkurrieren.
  • Das Copenhagen Wheel ist kein einfaches E-Bike. Das Rad enthält GPRS und Sensoren, die Luftverschmutzung, Lärm (db), Luftfeuchtigkeit und Temperatur dokumentieren. Über eine Bluetooth-Schnittstelle können die Daten per Smartphone ausgelesen und über Netzwerke geteilt werden. Anonym können sie aber auch der Stadt zur Verfügung gestellt werden. Eine gewaltige Datenmenge im Vergleich zu den klassischen Luftmessstationen.
  • Sensible City Lab, ein Forschungsprojekt des MIT, hat 3000 Müll-Artikel mit einem Sensor (Trash Tag) versehen und ihren Weg interaktiv dokumentiert.
  • Das Civic Center in New Orleans setzt sich auch mit Offline-Projekten kreativ für mehr Bürgerbeteiligung ein. Bei Neighborland können Bürger Wünsche an ihre Stadt äußern, bewerten und kommentieren. Damit enthalten Entscheidungsträger einen Eindruck davon, was die Menschen bewegt –  Bürgerbeteiligung 2.0.

In dezentralen Informationsnetzwerke gewichten sich Relevanzen nach der Intelligenz ihrer Nutzer. Aus dem Grund sind sie in der Regel erfolgreicher als zentralisierte Informationsnetze, in denen Informationen nach einem vorbestimmten Muster entstehen. Vielleicht twittern ja bald die Marburger Windräder, zu dessen Bau sich das Stadtparlament entschieden hat, um mir zu sagen, wann ich meine Waschmaschine anstellen soll – wer weiß?!

Hanno Groth

Hanno Groth

Hanno Groth schreibt für Gradmesser über Kommunikation in der Netzwelt, Geschichten aus der Zukunft und den Wandel in unserer Gesellschaft.
Hanno Groth

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