Die Welt verstehen – Zahlen wirksam kommunizieren

Publiziert am 25. November 2011 von

Möchten wir Zahlen als Entscheidungsgrundlage für einen gesellschaftlichen Wandel vermitteln, müssen sie anders kommuniziert und diskutiert werden. Und zwar so, dass man ihre Bedeutung tatsächlich versteht.

Wenn ich Schulklassen besuche, bitte ich die Schülerinnen und Schüler für den Einstieg in das Thema Der ökologische Fußabdruck aufzustehen und die folgende Frage zu beantworten: Stellt euch eine große Waage vor, wer wiegt mehr: Alle wilden Tiere unserer Erde zusammengenommen (Elefanten, Affen, etc.) oder alle vom Menschen domestizierten Tiere (Hunde, Schweine, Kühe, etc.)?

Zunächst bitte ich alle, sich zu setzen, die für die Wildtiere sind; das ist meistens mindestens die Hälfte der Klasse. Dann frage ich, wer glaubt, dass domestizierte Tiere das Doppelte wiegen, das Vierfache, usw. Vor der richtigen Antwort (domestizierte Tiere wiegen schätzungsweise 20-mal mehr) sitzen in der Regel alle. Selbstverständlich können Kinder die Antwort nicht wissen, ihre Reaktionen sagen aber viel über ihren Umgang mit Zahlen. In kurzer Zeit wandelt sich Erstaunen in Akzeptanz und Zustimmung. Da es nie eine Rückmeldung gibt wie „Ich bin schockiert“, „Das glaube ich nicht“ oder „Ich will darüber diskutieren“, glaube ich, dass eine wirkliche Auseinandersetzung mit der Bedeutung nicht stattfindet.

Früh lernen wir: Zahlen sind das objektive Abbild der Realität, und wer mit Zahlen argumentiert, hat Recht. Sie sind die Domäne der Wissenschaft und gehören zur Alltagssprache von Politik und Wirtschaft. Problematisch daran sind jedoch zwei Dinge. Wir lernen einen distanzvollen Respekt vor Zahlen: „Das verstehe ich sowieso nicht. Das ist mir zu hoch. Das darf ich nicht hinterfragen.“ In diese Rolle fügen wir uns schon in der Schule. Verstärkt wird dieser Effekt dadurch, dass diejenigen, die Zahlen kommunizieren, die Bedeutung von Zahlen selten intuitiv verständlich machen.

Auch die Auseinandersetzung um eine nachhaltige Entwicklung ist geprägt von Zahlen. Diskutiert wird unser Energieverbrauch in Kilo- oder Terawattstunden, die Strahlung in Fukushima wird in Mikrosivert gemessen und der Klimawandel schreitet ungebremst voran, weil wir zu viele Tonnen Kohlendioxid ausstoßen. So verpackt, sehen wir Zahlen selten als Grundlage für Entscheidungen.

Wir können Zahlen aber auch anders kommunizieren. Ein paar Beispiele:

  • Oxfam entwarf mit seiner Spendenplattform Unverpackt ein geniales Kommunikationskonzept für Geldspenden. Während man sich bei einer Spende für den WWF fragt, wie von zwei Euro bloß der asiatische Tiger gerettet werden soll, hat man bei Oxfam ganz konkret den Eindruck, Gutes zu tun. Einen Monat Trinkwasser für 50 Menschen, einen Energiesparherd oder ein Klassenzimmer gäbe es ohne meine Spende nämlich nicht!
  • Das Civic Centre in New Orleans hat mit dem Street Vendor Guide einen komplizierten Text mit Gesetzesparagraphen in eine übersichtliche Karte für Straßenverkäufer verwandelt.
  • Das Projekt Worldmapper.org macht komplexe Länderdaten durch die Umformung der Ländergroßen verständlich. Als Referenz dient Besuchern das geographisch erlernte Bild unserer Welt.
  • Die Projektseite zum Happy Planet Index der New Economic Foundation ermöglicht Besuchern, Entwicklungsindikatoren in einer interaktiven Anwendung selbst zu ergründen.

Die Möglichkeiten, Zahlen als Botschaften zu kommunizieren, sind vielfältig und lediglich durch Einfühlungsvermögen, Kreativität, technische Darstellungsmöglichkeiten beschränkt. Betrachtet man Zahlen als Vokabeln einer fremden Sprache, ergeben sich einige Hinweise für deren Übersetzung:

  • Beschränken Sie sich auf eine wichtige Zahl, die Sie für die Vermittlung einer Botschaft einsetzen können. Die Kampagne 350.org bezieht sich auf die Einheit für Teilchendruck zur Vermittlung ihrer Klimaschutzbotschaft: 350 parts per million (ppm) entsprechen dem Gasdruck von CO2 zur Erreichung des 2-Grad-Ziels.
  • Wählen Sie verständliche Analogien und verdeutlichen Sie Verhältnisse. Wie lange leuchtet eine LED-Lampe, bis der CO2-Austoß eines Fluges Frankfurt-Paris erreicht ist? Nutzen Sie Einheiten wie khW oder CO2 nur als Bindeglied solcher Vergleiche.
  • Eröffnen Sie mit Zahlen eine Perspektive für Entscheidungen. Humorvolle Vergleiche können als Eselsbrücke dienen. Wenn ich die Treppe anstelle des Aufzugs nehme, wie viel Schokolade kann ich dafür am Ende einer Woche essen?
  • Ort und Zeitpunkt spielen für die Vermittlung eine wichtige Rolle. Zum Beispiel gelingt es einigen Stadtbüros, Neubewohner durch ausführliche Informationen von Autofahrern zu ÖPNV-Nutzern zu machen. Restaurants eignen sich für die Kommunikation des Themas Ernährung, Fahrschulen für Mobilität, etc.
  • Visualisieren Sie komplexe Daten mithilfe von Infografiken, Animation oder  Interaktion. Das Umweltberatungsunternehmen Best Foot Forward erstellt seit einiger Zeit Infografiken.
  • Reduzieren Sie Datenmengen für bestimmte Zielgruppen oder einen Handlungsaspekt. Die Uni Graz erstellte Onlinerechner, mit dessen Hilfe man den ökologischen Fußabdruck einer Schule errechnen kann.

Ob die Kommunikation von Zahlen wirkt, wie man sich das wünscht, lässt sich einfach überprüfen: Zeigen Sie Ihre Grafiken, Vergleiche und Slogans ohne Erklärung einem „Laien“ (z.B. Kind) und sehen Sie, ob die Botschaft intuitiv verstanden wird.

 

Hanno Groth

Hanno Groth

Hanno Groth schreibt für Gradmesser über Kommunikation in der Netzwelt, Geschichten aus der Zukunft und den Wandel in unserer Gesellschaft.
Hanno Groth

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