Wissen das wirkt – Netzwerke für die gesellschaftliche Transformation

Publiziert am 17. Oktober 2011 von

Mindestens einmal pro Woche erhalte ich Nachrichten über meine dienstliche Emailadresse von Personen, die sich immer in gleicher Weise vorstellen: „Schönen guten Tag, ich heiße … und teste für meinen Blog Produkte. Ich würde gerne Ihre Produkte dort vorstellen, können Sie mir welche zuschicken?“ Die Emails sind natürlich etwas länger und ausgeschmückt. Im Prinzip ist die Anfrage aber stets die gleiche, bisher waren es zudem ausschließlich Frauen. Der Grund für die Anfragen: Zunächst kam eine Mail. Wir haben ein Musterpaket verschickt, das nach einer Woche auf dem Blog vorgestellt wurde. In der folgenden Woche erhielt ich etwa zehn und seitdem immer wieder Anfragen, die alle auf Blogs der Plattform blog.de verweisen.

Die Mails wurden nicht von derselben Person verschickt, allerdings handelt es sich dabei offensichtlich um ein (sehr kleines) Netzwerk, in dem die Information – dass wir kostenlose Muster verschicken – sehr schnell verbreitet wurde. Die Mitglieder in dem Netzwerk teilen ein Interesse (mindestens: Produkte testen und darüber schreiben) und scheinen ein ähnliches soziales Profil zu haben. Da dieses Netzwerk weder für meine Arbeit, noch für meine persönlichen Interessen sonderlich relevant ist (und auch weil es sehr klein ist), habe ich vorher nicht gewusst, dass es existiert.

Die meisten Netzwerke sind uns völlig unbekannt, andere erscheinen uns wie eine Black Box, über deren inneres Funktionieren wir kaum etwas wissen. Unabhängig der Produkttesterinnen organisieren sich auf der ganzen Welt Millionen von Menschen in Millionen Netzwerken und tauschen Wissen aus. Natürlich existieren Netzwerke auch offline. Zum Beispiel tauschen Wissenschaftler Informationen auf Tagungen oder Kongressen aus. Aber erst durch das Internet kam es zu einem regelrechten Boom, befeuert durch Internetplattformen wie Twitter, WordPress, Ning oder Wikipedia. Heute muss man sich weder kennen noch im selben Land wohnen, um demselben Netzwerk anzugehören.

Will man Netzwerke erklären, könnte man sie wie folgt beschreiben: Die Mitglieder von Netzwerken teilen ein gemeinsames Ziel, ein Interesse, sie haben ein Thema oder eine Mission – was mehr oder minder fest definiert ist. Netzwerke können in ihrer Kommunikation geschlossen, offen oder semi-offen sein. Jede und jeder kann partizipieren (ein Emailverteiler ist in dem Sinne also kein Netzwerk). Netzwerke sind online und/oder offline aktiv und haben ein soziologisches Profil mit offiziellen oder inoffiziellen Kommunikationsregeln (Sprache, Anerkennungsrituale, Kommunikationsorte, etc.). Und (!): Einzelnetzwerke können Verbindungen zu anderen Netzwerken aufweisen, ein Bestandteil eines größeren Meta-Netzwerks sein oder sich – wie ein Organismus – aus kleineren Netzwerk-Elementen zusammensetzen. In der Wissenschaft würde man von Disziplinen, Teildisziplinen und Interdisziplinarität sprechen.

Netzwerkorganismus: Nicht alle Netzwerke, wahrscheinlich die wenigsten, haben eindeutige Kommunikationsgrenzen. Von zentraler Bedeutung sind die Verbindungen zu anderen Netzwerken, nur durch sie entstehen neue Ideen. Quelle: eigene Darstellung

Die begriffliche Unterscheidung von Disziplin (die „Wissen erzeugt“) und Netzwerk (in dem „Wissen ausgetauscht“ wird) ist für die Diskussion um gesellschaftliche Transformation wichtig zu unterscheiden. Einerseits liefern Netzwerke Input an „Alltagswissen“ – was von der (Labor)Wissenschaft nur bedingt als Wissen wahrgenommen wird. Andererseits sind Netzwerke das beste Kommunikationsmedium als Output, um Verhalten zu verändern. Niemand kann zu einer Zielgruppe besser kommunizieren als die Zielgruppe selbst.

Die Erzeugung von Handlungswissen, das unseren ökologischen Fußabdruck nachweislich reduziert, war bisher nicht die Stärke wissenschaftlicher Akteure. In Hinblick auf messbare Indikatoren, vergleicht man zum Beispiel jene des ersten mit denen des zweiten Teils der Studie Zukunftsfähiges Deutschland oder nimmt man den Indikatorenbericht Nachhaltige Entwicklung in Deutschland (mit ohnehin fragwürdigen Zielen), wurden die meisten Ziele verfehlt. Die Anwendung von Wissen findet offensichtlich kaum statt, weil einige Kommunikationsschwellen [zotpressInText item=“NP5RJQAG“] zu sehr vernachlässigt werden. Wenn wir Energiespartipps verteilen, wird der rationale Mensch diese auch umsetzten, denken wir. Es besteht ein hohes Bewusstsein für Klimaschutz und man kann zudem noch Geld sparen. Falsch! Das ist statistisch gar nicht der Fall – rein wissenschaftlich-informative Anreize bleiben in der Regel wirkungslos. Es finden auch dort keine Massenwechsel zu Ökostrom statt, wo dieser billiger ist als Atomstrom, obwohl der Preis meistens zur Verhaltesbarriere erklärt wird.

Schwellenmodell der Kommunikation

Schwellenmodell der Kommunikation: Wissen wird nur zu einer Handlung, wenn Informationen zielgruppengerecht kommuniziert werden. Nach dem Modell gibt es fünf Schwellen, die überwunden werden müssen. Das Informationsangebot ist nur ein Bestandteil von Handlungswissen. (nach Kleinhückelkotten & Neitzke 1999 im Handbuch: Nachhaltigkeit kommunizieren)

Nachhaltiges Wissen umschließt nicht nur die Sammlung und Zusammensetzung von Daten, an deren Ende die Veröffentlichung steht, sondern eine Erkenntnis, die über den moralisch-rhetorischen, naturwissenschaftlich-technischen und kommunikativ-messbaren Rahmen hinaus sozial so überzeugend wirkt, dass Handeln und Entscheidungen beeinflusst werden. Nachhaltige Wissenschaft ist oft eher eine Nachhaltigkeitswissenschaft, die Nachhaltigkeit untersucht. Eine nachhaltige Wissenschaft hingegen wirkt.

Kann man mit Netzwerken die Wirkung von Wissen erhöhen? Cass R. Sunstein – unter anderem Kommunikationsberater von US-Präsident Obama – stellt fest, dass eine Gruppe von Menschen (das kann eine Firma oder eine Gesellschaft sein), die über das Wissen zur besten Lösung eines Problems verfügt, aufgrund mangelhafter Kommunikationsprozesse selten zu dem besten Ergebnis kommt. Jared Diamond zeigt in seinem genialen Buch Kollaps wie ganze Gesellschaften an diesem Defizit untergehen.

Sustein sieht vier Möglichkeiten Informationen auszutauschen [zotpressInText item=“W3BZN694″]: “First, groups might use the statistical average of the independent judgment of their members. Second, groups might attempt to improve on those independent judgments by using deliberation and asking for the reasoned exchange of facts, ideas, and opinions […]. Third, groups might use the price system and develop some kind of market, through which group members, or those outside of the group, buy and sell on the basis of their judgments. Fourth, groups might enlist to anyone who cares to participate.” Sunstein sieht unter Zuhilfenahme des Internets insbesondere in Letzterem Chancen, die weit über die ersten drei Methoden hinaus gehen: „possibilities include massive surveys, deliberative forums, prediction markets books and resources that anyone can edit, and open participation combined with some kind of process for filtering and screening.”

Conversations in Social Media: Es gibt vielfältige Kommunikationsmöglichkeiten mit sozialen Medien Wissen an Zielgruppen zu „senden“ und Wissen zu „empfangen“. Alle Rechte vorbehalten von ethority team (siehe unten).

Die Möglichkeiten mit dem Internet die Stufe zwischen Wissen und Handeln zu überwinden sind vielfältig. Netzwerke können helfen information cocoons aufzubrechen, die Sunstein als zentrales Problem sieht, weil wir in ihnen nur hören, was wir uns aussuchen und was uns Wohlbefinden bereitet. Expertenwissen kann zur Gefahr werden, wenn andere Informationen unterminiert werden. Denn frei partizipiertes Wissen schlägt in den meisten Fällen Expertenwissen, wenn die Gruppe groß genug ist (Condorcet Jury Theorem).

Unternehmen wie Google oder Microsoft nutzen die Erkenntnis, um beispielsweise durch Mitarbeiterbefragungen ein realistisches Datum einer Produktveröffentlichung oder andere Dinge zu ermitteln. Anonyme Befragungen in Krankenhäusern können Leben zukünftiger Patienten retten, weil ein Arzt/eine Ärztin von der sozialen Rolle der Unfehlbarkeit entbunden wird. Die Transition Town-Bewegung ist nicht so erfolgreich, weil sie mit Klimawandel und Peak Oil neue Themen entdeckt hat, sondern weil die methodische Gestaltung mit Open Space oder Story Telling lokales Wissen aufwertet.

Netzwerke sind hervorragend geeignet, eine nachhaltige Entwicklung zu unterstützten. Die New Economics Foundation (NEF) hat zu ihrem Wachstumsbericht die Internetseite The Impossible Humster Club veröffentlicht. Die NEF lässt sich nicht nur mit der Sprache (Titel des Berichts Growth isn’t Possible) auf andere Zielgruppen ein, auf der Seite gibt es ein animiertes Video als Teaser, das das Problem von Wachstum bildlich zusammenfasst, begleitet von einer Unterschriftenkampagne an die Politik. Zudem enthalten Berichte der NEF Hashtags (= Schlüsselwort in der Twittersprache), die verwendet werden können, um darüber bei Twitter zu diskutieren.

Und in Deutschland? Obwohl die Studie Zukunftsfähiges Deutschland den Untertitel Ein Anstoß zu einer gesellschaftlichen Debatte trägt, fand diese nicht wirklich statt. Kein einziges Netzwerk wurde in die Debatte einbezogen! Auch dem neue Hauptgutachten des Wissenschaftlichen Beirats der Bundesregierung Globale Umweltveränderung (WBGU) zum Gesellschaftsvertrag für eine Große Transformation merkt man seinen information cocoon an. Car Sharing (immer wieder zitiert) als Beitrag zur nachhaltigen Entwicklung ist mittlerweile ein alter Hut – es drängt sich die Frage auf, ob die Wissenschaftler die Ideenentwicklung der letzten Jahre wahrgenommen haben. Viele Quellen sind auch aus anderen Berichten bekannt; ein Austausch mit wissenschaftlichen  Netzwerken, in denen Ansätze für Verhaltensänderungen zu erwarten sind (z.B. Psychologie, Soziologie, Behavioral Economics,…) hätten sicher spannendere Lösungsansätze hervorgebracht. Fast alle Lösungsansätze beziehen sich auf „internationale“, hierarchische Regime (top down), also genau dem Gegenteil des Netzwerksprinzips (bottom up). Der WBGU hat einen Emailverteiler und spricht auf Tagungen, ist aber weder bei Twitter, noch in anderen sozialen Netzwerken, aktiv.

Die Bedeutung des Wissens hat sich verändert. Heute geht es weniger um Informationsbeschaffung als um Informationsmanagement bzw. -moderation. Wir haben zu viele Informationen, nicht zu wenige. Diese müssen als Botschaft zielgruppengerecht kommuniziert werden. Zu jedem Zeitpunkt kann Beteiligung stattfinden (Open Knowledge). Netzwerke können hier einen erheblichen Beitrag leisten. Trotzdem bleibt die Frage: Ist es die Zivilgesellschaft, die Politik oder die Wissenschaft, die sich für die Anwendung von Wissen verantwortlich fühlen soll? Ich denke, Veränderung kann nur gelingen, wenn jeder Akteur sich für das Versagen aller verantwortlich fühlt. In der Zivilgesellschaft brodelt es, die Wissenschaft sollte endlich politisch-fordernder werden.

Outro Sunstein beginnt in seinem Buch Infotopia: How Many Minds Produce Knowledge mit einer Auseinandersetzung über das Urheberrecht. Nachdem Mark Halprin am 20. Mai 2007 in der New York Times den Artikel unter dem Titel A Great Idea Lives Forever. Shouln‘d Its Copyright? als Plädoyer für ein ewiges Urheberrecht veröffentlichte, erhielt Larry Lessig (prominenter Gegner des Schutzes geistigen Eigentums) zahlreiche Mails, die ihn zu einer Antwort aufforderten. Er schrieb auf seinem Blog: „…why don’t you write the reply instead. Here’s a page on wiki.lessig.org. Please write an argument that puts this argument in its proper place.“ In nur drei Tagen besuchten die Seite 20.000 Menschen. Hunderte Autoren schrieben eine zehnseitige, stichhaltige Antwort an Halprin.

Bild Conversations Social Media: Alle Rechte vorbehalten von ethority team

Quellen:

Hanno Groth

Hanno Groth

Hanno Groth schreibt für Gradmesser über Kommunikation in der Netzwelt, Geschichten aus der Zukunft und den Wandel in unserer Gesellschaft.
Hanno Groth

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