Klimaschutz – wessen Recht auf Gerechtigkeit?

Publiziert am 28. August 2011 von

Wo heute die Stadt New York steht, beherrschten noch vor einigen hundert Jahren Mücken, Hirsche und Bieber die Landzunge. Verschwänden die Menschen mit einem Mal von der Erde, würde sich die Natur innerhalb kurzer Zeit die Stadt zurück erobern. Einer der allerersten Siege wäre das U-Bahn-Netz. 753 Pumpen entziehen dem Boden – von den Großstadttouristen unbemerkt – Tag für Tag 50 Millionen Liter Wasser und bewahren die Tunnel vor der Flutung. Stünden die Maschinen still, käme der Zugverkehr nach einer halben Stunde zum Erliegen. Technologie verhindert die Entfaltung der Naturkräfte.

Manhattan 1609 und 2009, (c) Markley Boyer, Mannahatta Project/Wildlife Conservation Society

Noch gar nicht so lange werden Ansätze verfolgt, die andersherum die Naturkräfte systemisch als Ersatz für Technologie entdeckt haben. Dies ist keiner ideologischen Verklärung als vielmehr der ökonomischen Ernüchterung zuzuschreiben. Bei wirtschaftlicher Bilanz sind viele der sogenannten Umweltdienstleistungen (ecosystem services) billiger als ihre technologischen Konkurrenten. Die ökonomische Erkenntnis der optimalen Nutzung der „wahren Kräfte der Forste“ in der deutschen Forstwirtschaft war zwar die Geburt des Modebegriffs Nachhaltigkeit [zotpressInText item=“MP7V27R6″]. Dennoch glaubte der Mensch über Jahrhunderte der Natur mit seinen technologischen Innovationen überlegen zu sein.

Catskill Watershed Corporation, (c) NYC DEP

New York nutzt heute die Kräfte der Natur als Ersatz für Technologie. Durch die Einrichtung des Wasserschutzprogrammes Catskill Watershed Management Programme spart die Stadt – im Vergleich zur technischen Lösung –   Aufbereitungskosten von schätzungsweise fünf Milliarden US-Dollar.

Dahinter steht der Ansatz der Ausgleichsfinanzierungen für die Nutzung von Umweltdienstleistungen (Payment for Ecosystem Services, PES): Eine Gruppe von Menschen, die einen Vorteil an einer Umweltleistung hat, zahlt einen finanziellen Ausgleich an eine anderen Gruppe, die nicht direkt davon profitiert und deshalb auch keinen Vorteil im Erhalt der (vor ihrer Tür befindlichen) Umweltdienstleistung sieht. So profitieren letztlich alle vom Erhalt der Umweltgüter: Die New Yorker, die Naturschützer, die Natur und zukünftige Generationen – Win-Win-Win-Win.

Was New York mit seinem Wasserschutzprogramm entdeckte, stellte der ehemalige Chefökonom der Weltbank Sir Niklas Stern 2006 mit seinen Bericht zu dem ökonomischen Folgen in Bezug auf den Klimawandel fest: Besser wir handeln gemeinsam und einigen uns auf Leitplanken und den Erhalt von Ökosystemen. Stern prognostizierte andernfalls die Kosten eines ungebremsten Klimawandels (mit einem Temperaturanstieg von fünf Grad Celsius) auf 5% bis 20% des weltweiten BIPs, während die Folgen mit lediglich rund 1% des globalen BIPs verhindert werden können.

Die Industrieregionen sind vornehmlich Verursacher des Klimawandels: Länderkarte gewichtet nach Ausstoß von Treibhausgasen, © Copyright SASI Group (University of Sheffield) and Mark Newman (University of Michigan)

Was einfach klingt und lokal gut funktioniert, wird bei globalen Herausforderungen wie dem Klimaschutz fast unmöglich. Eine unüberschaubare Anzahl von Akteuren muss einen Ausgleich verhandeln, behindert von diversen Spieltheoretischen Dilemmata und fehlenden juristischen Verbindlichkeiten. Begleitet wird die Diskussion um Klimaschutz von unserem moralischen Glauben an internationale Gerechtigkeit, dem wir nicht zuletzt die Gründung der UNO verdanken. Die Dimensionen sozialer und intergenerationeller Gerechtigkeit sind in Bezug auf den Klimawandel ebenfalls in der Diskussion, kommen aber weniger häufig zur Sprache.

So erstellte der Wissenschaftliche Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WBGU) den Budget Approach. Darin legten die Wissenschaftler die Menge an CO2 fest, die zur Erreichung des 2-Grad-Ziels im Zeitraum von 1990 und 2050 ausgestoßen werden dürfen und verteilten sie auf Länder gemäß ihrer Einwohnerzahl. Jede Person darf im Schnitt 2,7 Tonnen CO2 pro Jahr ausstoßen. Ich als Vegetarier, Bioesser, ohne Auto, in einer überschaubaren Wohnung mit Ökostrom liege 2-3mal darüber! Deutschland hat sein Budget bereits überschritten und darf laut WBGU bis 2050 kein Treibhausgas mehr emittieren. Da das, selbst bei enormen Klimaschutzbemühungen, nicht möglich ist, schlägt der WBGU einen Ausgleich mit Entwicklungsländern vor. Diese müssen versprechen ihr Emissionsrecht um unseren Mehrverbrauch zu reduzieren und bekommen dafür von uns Geld und Technologie zum Ausgleich.

Die Heinrich-Böll-Stiftung erweitert mit dem Greenhouse Development Rights Framework das Verursacherprinzip – die Budgetierung – um das Leistungsprinzip. Länder mit einer starken Wirtschaft und einem hohen Pro-Kopf-Einkommen zahlen mehr als arme Länder. Gemäß dem Ansatz hätte Deutschland dann im Jahr 2010 5,5% der globalen Klimafolgekosten tragen müssen. Da sich die Böll-Stiftung auf die ein Prozent des Stern-Berichtes bezieht, wären das bei einem weltweite BIP von 74,54 Billionen US-Dollar im Jahr 2010 nach aktuellem Währungskurs (26.08.2011) 28,5 Milliarden Euro für Deutschland. Also durchschnittlich 30 Euro pro Person und Monat, die über eine „Klimasteuer“ von Personen mit Einkommen über 7.500 US-Dollar pro Jahr zu erheben wären. Nach neuster Einschätzung von Nicholas Stern liegen die Klimafolgekosten bei 2% des globalen BIPs, was monatlichen Kosten von 60 Euro pro Person in Deutschland entspricht. Die deutschen Ausgaben für die Entwicklungszusammenarbeit (EZ) lagen 2010 großzügig interpretiert weitaus niedriger (8,8 Milliarden Euro).

Beide Modelle haben international hohe Anerkennung erhalten – ein Indiz dafür, dass sie garantiert nicht umgesetzt werden! Beide beschränken sich historisch auf das Jahr 1990 und auf die Umsetzung des 2-Grad-Ziels. Beide beziehen sich auf produzierte, nicht auf konsumierte Emissionen. Beide setzen eine moralische Selbstverpflichtung der Sünder voraus. Vom gesamten Aufbau fehlt es beiden Modellen an einem schlüssigen Umsetzungskonzept.

Beide Modelle führen ausgerechnet zu einem Nachteil jener Akteure, die in internationalen Regimen in der Entscheidungsposition sind, anstatt ein ökonomisches Modelle zu konstruieren, das – siehe New York – für alle Beteilige einen Mehrwert entstehen lässt. Wie geht so was? Ein Beispiel: Nehmen wir an, ich ersetze Zuhause eine konventionelle Lampe durch eine LED-Energiesparlampe. Die Lampe verbraucht etwa 30mal weniger Strom, dadurch spare ich während des Betriebs mehrere hundert Euro. Das Geld kann ich für andere Dinge ausgeben, was im schlimmsten Fall mehr Emissionen verursacht als ich über den niedrigeren Stromverbrauch vermeide – das nennt man Rebound-Effekt oder Backfire.  Ich kann das Geld aber auch für die Entwicklung in einem anderen Land aufwenden und z.B. über Kiva einen Mikrokredit an einen Solarunternehmer in Afrika vergeben. So gibt es keine Verlierer: Ich bin gegenüber steigenden Energiekosten autonomer geworden und erhalte ohne Zusatzkosten meinen Lebensstandard, das Klima wird geschützt und die umweltfreundliche Entwicklung in Afrika wird durch einen Mikrokredit gefördert.

Es gibt zwar Win-Win-Initiativen wie zum Beispiel Green My Parents in den USA, sie sind aber noch sehr vereinzelt. Eine ähnliche Konstruktion von Anreizmodellen ist auf verschiedenen politischen Ebenen möglich, was von den Zielen abhängt, die man über die Steuerung erreichen will – z.B. eine Steigerung der Lebensqualität. Nur 13,2% der finanzpolitischen Anreize in Deutschland haben positive ökologische Effekte. Das ist im internationalen Vergleich nicht viel. China liegt bei 37,8%, die EU-Gesetzgebung bei 58,7%, Südkorea sogar bei 80,5% [zotpressInText item=“NSZ9UPPJ“]. In Form umweltschädlicher Subventionen verteilte der deutsche Staat 2010 48 Milliarden Euro – also weit mehr als unser Transferverpflichung von 28 Milliarden Euro.

Von uns gelernt – im Süden sind Wälder (CO2-Senken) massiv von Abholzung bedroht – oft für kurzfristigen Profit Länderkarte gewichtet nach Entwaldung zwischen 1990 und 2000, © Copyright SASI Group (University of Sheffield) and Mark Newman (University of Michigan)

Ein tatsächlicher Ausgleich für den Schutz von Umweltdienstleistungen findet nicht statt. Klimaschutz basiert auf der Freiwilligkeit der Verschmutzer – aus dem Grund haben die meisten EU-Länder ihre wenig ambitionierten Reduzierungsziele von durchschnittlich 8% gegenüber 1990 nicht erfüllt. Eine international rechtliche Verpflichtung zu Ausgleichsmaßnahmen hätte für uns nicht nur finanzielle Folgen. Es würde uns des „Rechtes“ berauben, zu definieren was unter Gerechtigkeit zu verstehen ist. 2 Euro spenden die Deutschen im Schnitt pro Monat für wohltätige Zwecke; zirka 9 Euro kommen über EZ hinzu. Da das nur ein Drittel dessen ist, was die Böll-Stiftung als Leistungsausgleich vorsieht (bedenken wir, dass sich diese Kosten bei ungebremsten Klimawandel noch einmal verzwanzigfachen können!), sind Spenden und EZ ein akzeptabler moralischer Ausweg für uns. Wir empfinden unser Verhalten als großzügig gerecht und werden nicht zu Losern in den vorgeschlagenen Gerechtigkeitsmodellen. Dass für andere Nachteile entstehen, können wir mit dem Verweis von globaler Komplexität stichhaltig begründen. Anderenfalls müssten wir ein Modell entwickeln, das nicht nur einen moralischen sondern auch einen pragmatischen Vorteil für die Industrieländer beinhaltet.

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Hanno Groth

Hanno Groth

Hanno Groth schreibt für Gradmesser über Kommunikation in der Netzwelt, Geschichten aus der Zukunft und den Wandel in unserer Gesellschaft.
Hanno Groth

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