Landschaft, Ästhetik und die Energiewende

Publiziert am 16. August 2011 von

Wer in Paris den Cimetière de Montmartre besucht, kann auf dem zehn Hektar großen Friedhof neben verstorbenen Berühmtheiten aus Frankreich wie Émile Zola oder Jean Bernard Léon Foucault auch die Gräber einiger Deutschen besuchen. Der bekannteste ist wohl Heinrich Heine, der unter einem weißen Marmorstein in der ersten Reihe der 26. Division an der Avenue Hector Berlioz begraben liegt. In derselben Division nur ein paar Gräber weiter rechts (No. 48) liegt Johann Gottfried Tulla, der im März des Jahres 1828 für eine Herzoperation nach Paris reiste und dort verstarb.

Das Grab von Heinrich Heine

Zwar sind in Deutschland einige Schulen nach Tulla benannt, den meisten Deutschen ist sein Schaffen wohl eher unbekannt. Dabei hat er nicht nur das deutsche Landschaftsbild tiefgreifend verändert. Vielmehr trägt seine Arbeit die Handschrift eines Selbstverständnisses, das die Veränderung der deutschen Landschaft seit über zweihundert Jahre prägt: Die Nutzbarmachung der Natur.

Johann Gottfried Tulla hat große Taten vollbracht: Erst ab dem 19. Jahrhundert floss der Rhein in einem einzigen, festgelegenen Bett. Zuvor bestand er aus einem Labyrinth vom Wasserarmen und Inseln – zwischen den 110 Kilometern  von Basel nach Straßburg alleine gab es 1.600 Inseln. Die ständigen Veränderungen der Wasserströme waren nicht nur Hindernis für die Flussschifffahrt, die Feuchtgebiete der Flussausläufer waren auch Brutstätten von Malaria und Typhus. Die Rheinbegradigung hatte zwar auch schlechte Seiten (Überflutungen, Veränderungen der Landwirtschaftskultur, Zerstörung des Fischreichtums, etc.), Bedenken wurden aber ignoriert oder erst später erkannt – ein Phänomen, das in der Geschichte wiederholt vorkam.

Als der Wasserbauarchitekt Tulla beauftragt wurde den Rhein zu bändigen, war das das größte Bauvorhauben Deutschlands. Im Laufe der Bauarbeiten, die 1817 begannen (und erst 1876 nach Tullas Tod abgeschlossen waren), wurde der Fluss zwischen Basel und Worms um knapp ein Viertel verkürzt, über 2200 Inseln wurden abgetragen, was alleine im Streckenabschnitt Basel-Straßburg mehr als 1000 Quadratkilometer entsprach! 240 Kilometer Hauptdeiche wurden errichtet.

Der Rhein vor seiner Begradigung

Gemälde von Peter Birmann (1758 – 1844) „Blick vom Isteiner Klotz Rhein-aufwärts gegen Basel“ um 1800 (Kunstmuseum Basel)

Tulla war Architekt der deutschen Landschaft, die wir heute bei einem Blick aus dem Zugfenster sehen. Es waren Pioniere wie er, die unser Landschaftsbild tiefgreifend veränderten, indem sie Natur zurückdrängten und der Entwicklung des Menschen Vorteile verschafften. Beobachten wir Veränderung der Landschaft reichen unsere Erinnerungen meist nur einige Jahrzehnte zurück. Wir empfinden heute selbstverständlich als „Natur“, was unsere Vorfahren erschaffen haben. Buchen-Urwälder mit Bären, Wölfen und Luchsen verbinden wir genau so wenig mit deutscher Landschaft wie die hunderte Kilometer langen Wanderdünnen, die norddeutsche Tiefebenen überwalsten oder die Moore, deren Besiedlung und Kultiervierung dem Menschen unter dem Motto Dem Ersten der Tod, dem Zweiten die Not, dem Dritten das Brot viele Opfer abverlangte.

Die Veränderung der Landschaft in den letzten Jahrhunderten war so fundamental, dass Blackbourn zu dem Fazit kommt, dass jeder Quadratmeter Deutschlands unsere Handschrift trägt. Jedoch hat sich unsere Einstellung dazu mit der Zeit verändert. Schon gegen die Begradigung des Rheins gab es Proteste, seit dem Aufkommen der Umweltbewegung Mitte des 20. Jahrhunderts sind wir noch empfindlicher geworden und wollen keine Naturzerstörung mehr vor unserer Haustür. Die Globalisierung eröffnete einen Ausweg. Die Eroberung der Natur findet heute an anderen Orten der Erde statt. Unser ökologischer Fußabdruck steigt, trotzdem machen wir uns glauben, dass wir unserer Natur nichts antun – das beweisen wir uns mit einem Spaziergang durch unseren heimischen Wald. Die Energiewende zerstört diese Illusion.

Der Zusammenwurf von Landschaft, Natur und Umwelt in den zahlreich geführten Debatten um die Energiewende nimmt wenig Rücksicht auf zentrale Fragen: den Erhalt der Funktionalität von Ökosystemen, der Verhältnismäßigkeit zu anderen Sektoren (z.B. Verkehr oder Siedlungsbau) und der Landschaftsgeschichte. „Windkraftmonster“, die unsere Landschaft „verspargeln“ werden Gegner neuer „Naturschützer“. Zahlreiche Bürgerinitiativen wehren sich gegen neue Nord-Süd-Trassen, die Off-Shore-Strom in süddeutsche Haushalte transportieren sollen. Sie sehen sich unberechtigt als Träger negativ empfundener Folgen einer gesellschaftlichen Entwicklung, auch wenn sie Teil davon sind.

Auch wenn die Gründe von Fall zu Fall unterschiedlich liegen, der Begriff „Verspargelung“ ist ein ästhetisches Argument – in Umfragen ist sogar fast die Hälfte der Befragten der Meinung, dass „Windkraftanlagen die Landschaft verschandelt“. Auch viele andere Argumente sind hintergründig subjektiv. Das NIMBY-Syndrom (=Not In My Backyard) ist bereits zum Forschungsgegenstand geworden. Blackbourn kritisiert an der „Verteidigung der Landschaft mit ästhetischen Gründen“ ohne klare Kriterien, dass dies sogar dafür genutzt werden könne „eine selektive Zerstörung der Natur zu rechtfertigen“. Trotzallem lassen sich viele Gegner regionaler Energieprojekte dennoch überzeugen. Durch Transparenz, Kommunikation und Beteiligung kann man Vertrauen schaffen und Vorurteile abbauen. Ignoriert man die Bürger vor Ort, kann es zu Konflikten und Protest kommen.

Der Blick in die Vergangenheit verändert die Sicht auf die Energiewende auf zweierlei Weise: Zum einen bezüglich einer Einordnung von Landschaftsveränderungen und zum anderen in Hinblick auf die Technikfolgen und die Lerneffekte unserer Eingriffe.

Die Veränderung der Landschaft durch den Ausbau Erneuerbarer Energien stellt bei richtiger Standortwahl in Verhältnis zur Landschaftsgeschichte einen kleinen menschlichen Eingriff da. Solaranlagen sind auf bereits bebauter Fläche installierbar. Eine Windkraftanlage benötigt eine Fläche von zirka 2000 Quadratmeter (ein Fünftel Hektar; das entspricht einem Streckenabschnitt von 100 Meter Autobahn), die teilweise für andere Zwecke wie Landwirtschaft genutzt werden können. Der Verkehr in Deutschland alleine asphaltiert 1,7 Millionen Hektar Landschaft. Das ist eine Fläche größer als Thüringen und entspricht mehr als 300 Quadratmeter pro Pkw. Die Bilanz für die Erneuerbaren wird noch positiver, wenn der indirekte Flächenverbrauch berücksichtigt wird. Die Fläche Wald nämlich, die zur Kompensation des CO2-Ausstoßes der jeweiligen Energieträger (inkl. Produktion) gebraucht wird. So gerechnet, benötigt Solarstrom 240 qm, Windkraft 60 qm und Kohle 1610 qm für die Erzeugung einer Megawattstunde (= 1000 kWh) Strom im Jahr.

Es gibt auch qualitative Untersuchungen zu den Technik(natur)folgen. Studien zu Fledermäusen an Windkraftanlagen helfen bei der Reduzierung von Umweltfolgen in der Standortwahl und dem Betrieb von Anlagen. Zum Beispiel sind Fledermäuse bei starkem Wind kaum aktiv und durch hohe Anlagen weniger bedroht. Nicht alle Erkenntnisse sind vor der Inbetriebnahme möglich, viele Probleme können erst in der Praxis entdeckt und dafür Lösungen entwickelt werden. Unsere Technikgläubigkeit behauptet oft etwas anderes: Wo einmal ein Fehler passiert ist, scheitert eine Technik generell. Es ist Aufgabe der  Politik neue Erkenntnisse zum Standard zu machen.

Land of Giants – Strommastenkonstruktion des Architektenbüros Choi + Shine (Quelle: www.choishine.com)

Erkentnisse werden in der Regel primär auf technischer Ebene eingefordert – Erneuerbare sollen möglichst billig Energie produzieren. Die Anreize, Energiesysteme gemäß menschlicher (ästhetischer) Bedürfnisse und landschaftsbildlichen Vorstellungen zu entwickeln, fehlen oft. Systeme, die sich selbstverständlich in unsere vorhandene Umwelt einpassen oder vielleicht sogar so sehenswert sind, dass wir sie gerne in unseren „Backyard“ bauen, sind selten. Aber es gibt sie: Das englische Achitektenbüro Choi + Shine entwarf in dem Projekt Land of Giants Strommasten mit menschlicher Figur, die in verschiedenen Posen geduldig in der  Landschaft stehen. Mitarbeiter des Kölner Architektenbüros Arphenotype haben mit den Transmission Line Towers ebenfalls die Stromleitungen neue entworfen und Niederländer von NL Architects haben mit der Power Flower und dem Power Tower horizontale Windkraftanlagen zum Kern ihre Entwürfe gemacht, anstatt diese zu verstecken.

Die Windanlage „Power Flower“ des Niederländischen Architektenbüros NL architects (Quelle: http://wordlesstech.com/2011/03/03/power-flowers)

Ob ästhetische Kriterien Einzug in unsere Landschaftsgestaltung finden, wird letztlich nicht vom Preis abhängen, sondern davon wie konstruktiv und ehrlich die Energiewende gestaltet wird und ob es gelingt subjektive Erwartungen in Ideen und Realitäten naturverträglicher Energiesystemen zu verwandeln. Nicht nur unser Leben und unsere Technik verändern sich, auch unsere Landschaft tut es permanent. In 100 Jahren werden in Deutschland andere und voraussichtlich weniger Windkraftanlagen stehen als in 50 Jahren. Bis dahin werden wir sie aber – sehr wahrscheinlich – als Teil unserer Landschaft akzeptiert haben.

Outro  Auch der zur Weltausstellung 1889 erbaute Eiffelturm war zu seiner Zeit äußert unbeliebt bei den Parisern. Der Schandfleck wurde als „tragische Straßenlaterne“ und „düsterer Fabrikschornstein“ beschimpft. Nur die aufkommende drahtlose Telegraphie rettete den 302 Meter hohen Turm, der als Wahrzeichen von Paris und Frankreich heute Millionen von Besuchern jedes Jahrs anlockt. Ein Marburger Jurastudent erzählte mir vor Kurzem, dass seine italienischen Erasmus-Kommilitonen mit dem Rad zu den Windrädern nach Wehrda fahren, weil es Windräder bei ihnen in Italien nicht gibt und sie die faszinierend finden.

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Literatur:

  • Die Eroberung der Natur: Eine Geschichte der deutschen Landschaft von David Blackbourn
Hanno Groth

Hanno Groth

Hanno Groth schreibt für Gradmesser über Kommunikation in der Netzwelt, Geschichten aus der Zukunft und den Wandel in unserer Gesellschaft.
Hanno Groth